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Bericht über die Konferenz „Bildungs- und Berufsberatung in Deutschland – Policy Review und Europäische Benchmarks“, 11. Juni 2013 in Berlin

Als „Gelenköl“ trägt Bildungs- und Berufsberatung entscheidend zur Erreichung zentraler gesellschafts-politischer Ziele bei, hob DR. THOMAS GREINER, Leiter der Unterabteilung Lebenslanges Lernen, Bildungsforschung des BMBF in seiner Botschaft an die Konferenz hervor: Zur Erhöhung der Bildungsbeteiligung, gesellschaftlichen Teilhabe und Chancengerechtigkeit, sowie zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer/innen, zur Arbeitsmarkteffizienz und damit letztlich auch zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt.

Gerade angesichts der aktuellen Krise in Europa und der damit einhergehenden Herausforderungen für den Bildungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungsbereich komme der Beratung eine besondere Bedeutung zu, betonte KOEN NOMDEN, Vertreter der Generaldirektion Bildung und Kultur der EU-Kommission (upload/ELGPN/Nomden_11-6-2013.pdf), zu Beginn der Tagung. So leiste Bildungs- und Berufsberatung einen wichtigen Beitrag zum Erfolg zahlreicher EU Initiativen, Empfehlungen und Instrumente, die vor allem auf die Transparenz und Vergleichbarkeit des Angebots und der Nachfrage von Kompetenzen und Qualifikationen sowie deren Weiterentwicklung abzielten.

In den vergangenen 10 Jahren seit der letzten Überprüfung der Politiken und Systeme der Bildungs- und Berufsberatung durch die OECD und die EU-Kommission haben zahlreiche wirtschaftliche, politische und soziale Veränderungen neue Herausforderungen an die Ausgestaltung der Beratungsdienste gestellt.

Der Rat der Europäischen Bildungsminister  hatte in seinen Ratsentschließungen zur lebensbegleitenden Beratung 2004 und 2008 vier wichtige Prioritäten zur Verbesserung der Beratungssituation in den Mitgliedsländern benannt:

  • Förderung berufsbiografischer Gestaltungskompetenzen als Ergebnis von Berufsorientierung und Beratung,
  • Erleichterung des Zugangs zu Beratungsdiensten durch mehr Transparenz,
  • Qualitätssicherung und Evidenzbasierung und
  • Förderung der Koordinierung und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren.

Vor dem Hintergrund der europäischen  Entwicklungen engagierten sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Länder, Kommunen, Sozialpartner sowie viele weitere wichtige Akteure und Stakeholder für den Ausbau und die Weiterentwicklung der Beratungsangebote und Strukturen in Deutschland. DR. THOMAS GREINER fasste in seiner Botschaft an die Konferenz die Initiativen des BMBF im Hinblick auf die vier o.g. EU- Prioritäten zusammen und beschrieb die dazu vom Bundesministerium initiierten und geförderten Projekte im Bereich Bildungsberatung und Berufsorientierung.

Hilfreiche Instrumente zur Umsetzung dieser vier von den EU Bildungsministern definierten Prioritäten enthält auch die Handreichung „Entwicklung einer Strategie zur Lebensbegleitenden Beratung: Eine europäische Handreichung“, die als Ergebnis der Zusammenarbeit im Europäischen Netzwerk für eine Politik lebensbegleitender Beratung (ELGPN) in deutscher Übersetzung auf der Konferenz von DR. BERNHARD JENSCHKE, nfb (upload/ELGPN/PPP_Handreichung_BJ.pdf), vorgestellt wurde. Das ELGPN fördert die europäische Kooperation zur Entwicklung von Programmen und Systemen für die lebensbegleitende Beratung auf nationaler und EU Ebene. Die Zielsetzungen, Arbeitsweisen und fachlichen Ergebnisse erläuterte DR. JENSCHKE. Dabei betonte er, dass es sich bei den vorgestellten Instrumenten nicht um direkte Benchmarks handele, die im Sinne einer europäischen Regulierung vorgegeben werden, sondern um Ressourcen „zur Reflexion, zum Vergleich und zur Bewertung“, die an nationale und regionale Kontexte angepasst werden müssten. Die Handreichung soll die Analyse und kritische Reflexion der Beratungsstrukturen und Systeme in den einzelnen Bereichen unterstützen. Sie bietet somit vor allem den verantwortlichen Entscheidungsträgern in Politik und Praxis sowie den Stakeholdern die Möglichkeit zur vergleichenden Bewertung der Beratungsstrategien, der Dienstleistungen und Programme. Im Rahmen eines solchen Reflexionsprozesses könnten dann Handlungsbedarfe und notwendige Weiterentwicklungen für die Beratungssysteme und Beratungspraxis abgeleitet werden.

Dem entsprechend war das Ziel der Konferenz, mit allen Beteiligten die folgenden Fragen zu erörtern:
1. Ist ein vom ELGPN empfohlener Policy Review Prozess in Deutschland notwendig und wünschenswert?
2. Wie könnte ein solcher  Policy Review Prozess praktisch durchgeführt werden, welche Untersuchungsansätze sind dafür vorstellbar?
3. Wer, welche Akteure, sollten beteiligt sein und wer kann den Prozess organisieren, steuern und begleiten?

Präsentationen zum Download:



Ergebnisse und Empfehlungen aus den Foren

Diese Fragestellungen wurden zunächst in drei Foren diskutiert, die sich in ihrer thematischen Ausrichtung auf die oben genannten EU Prioritäten bezogen. Die Moderatoren/innen der Foren HEIKE MASCHNER (Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW), DR. PETER C. WEBER (Universität Heidelberg) und MICHAEL LÜDTKE, (Arbeit und Leben e.V. (DGB/VHS), LAG Berlin) präsentierten die Ergebnisse in Form von Empfehlungen.

Es bestand über alle drei Foren hinweg Einvernehmen hinsichtlich der Sinnhaftigkeit und Wünschbarkeit eines solchen Policy Review Prozesses. Zusammengefasst  enthalten die Empfehlungen zu Zielen und Durchführung des Policy Review Prozesses folgende Punkte:

1.    Der Policy Review Prozess ist notwendig und wünschenswert, um die Vielzahl der vorhandenen, teils unübersichtlichen und nicht vernetzen Aktivitäten auf lokaler, regionaler, Landes- und Bundesebene und in den einzelnen Beratungsbereichen durch eine übergeordnete nationale Strategie zu unterstützen. Er bietet die Möglichkeit, die zahlreichen Bottom-up Initiativen mit einer nationalen Top-down Strategie zu verbinden.

Die Foren hoben dabei besonders die Notwendigkeit von Transparenz, Koordinierung und Verzahnung der vorhandenen Beratungsstrukturen, Angebote und Zuständigkeiten auf allen Ebenen im Sinne eines kohärenten Systems hervor. Hierfür sei die Entwicklung einer langfristigen Strategie notwendig, die von nachhaltigen Finanzierungsstrukturen und den „zentralen Akteuren aus Politik, Praxis und Wissenschaft getragen wird“. Die durch den Policy Review hergestellte Transparenz diene Bürgerinnen und Bürgern genauso wie den Beratenden und politischen Entscheidern.

Die Rolle des Nationalen Forum Beratung (nfb) für die Koordinierung und Weiterentwicklung des Feldes der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung bewertete das Forum 2 „Zugang zu Beratung und Verbesserung der Kooperation und Koordination“ positiv, wobei der begonnene Bottom-up Prozess durch politische Top-down Prozesse ergänzt werden müsse, um zu „verbindlichen, allgemeingültigen Strukturen“ zu gelangen. Dazu gehörte eine verbindliche Rechtslage für die lebensbegleitende Bildungs- und Berufsberatung, die den Zugang zu Beratung für alle Bürgerinnen und Bürger und die Verstetigung der Angebote und Strukturen auf Grundlage einer evidenzbasierten Politik sichert. Dazu gehörten selbstverständlich auch verbindliche Qualitätsstandards für die Beratung. Der Policy Review könne für die Verständigung über die Anforderungen an eine Grundversorgung mit Beratung in Deutschland einen wichtigen Beitrag leisten.

2.    Bei der Planung und Durchführung des Policy Review Prozesses ist die Kooperation mit allen wichtigen Akteuren und Stakeholdern über alle Ebenen hinweg unverzichtbar und muss sichergestellt werden. Dies beinhalte besonders die Einbindung der Länder und Kommunen, öffentlicher Institutionen, der Wirtschafts- und Sozialpartner und der Verbände der Beratenden und Nutzer. Die Nutzerperspektive solle in den Mittelpunkt gestellt werden.  Die Koordination eines solch komplexen Beteiligungsprozesses könne als gestufter Prozess mit klaren Verantwortlichkeiten (für die politische Steuerung und fachliche Organisation) durchgeführt werden.

Der Policy Review Prozess bedürfe noch einer zusätzlichen konzeptionellen Fundierung und müsse auf Basis der Handreichung und deren Instrumente theoretisch und methodisch begründet werden. Die Handreichung funktioniere dabei als Vergleichsinstrument, das für den deutschen Kontext adaptiert werden müsse.

Der Policy Review Prozess mit den notwendigen Vorarbeiten, der Steuerung und Durchführung sowie den notwendigen Abstimmungen mit allen Akteuren und Stakeholdern (etwa in einer Begleitgruppe) bedürfe auch einer ausreichenden und kontinuierlichen Finanzierung.

Präsentationen und Empfehlungen aus den Foren zum Download:


Empfehlungen und Bericht aus den Expertenrunden zu den Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen

Die anschließenden Expertenrunden, moderiert von KLAUS FAHLE, Leiter der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA BiBB), diskutierten die Ergebnisse der Foren im Hinblick auf die Notwendigkeit und Umsetzung eines Policy Review.

Teilnehmer/innen: MATTHIAS ANBUHL, Deutscher Gewerkschaftsbund; DR. MICHAEL CORDES, Stiftung Warentest; GABRIELE HAMMELRATH, MdL Nordrhein-Westfalen; CHRISTIAN HOLLMANN, Zentralverband des deutschen Handwerks; DAGMAR KUHLICH, Unterausschuss Berufliche Bildung und Weiterbildung der Kultusministerkonferenz (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft des Landes Berlin); ACHIM MEYER AUF DER HEYDE, Deutsches Studentenwerk;
DR. MATTHIAS SCHULZE-BÖING, Kommunales Jobcenter Offenbach; JÜRGEN SPATZ, Bundesagentur für Arbeit; MARGRIT ZAUNER, Senatsverwaltung für Arbeit und Integration des Landes Berlin.

1. Ist der vom ELGPN empfohlene Policy Review Prozess in Deutschland notwendig und wünschenswert?

Die Experten/innen bestätigten das Votum der Foren, einen solchen Policy Review durchzuführen und als notwendiges und nützliches Instrument für die Weiterentwicklung des Beratungssystems in Deutschland zu nutzen. Dabei standen die Fragen nach Qualität und Transparenz im Mittelpunkt der Debatte.

Als Vertreter der Nutzerperspektive betonten MATTHIAS ANBUHL (DGB) und DR. MICHAEL CORDES  (Stiftung Warentest) besonders die Notwendigkeit von Transparenz und Qualität im Beratungssystem, sowohl seitens der Angebote als auch seitens der Zuständigkeiten. Hier müsse der Policy Review ansetzen und genau hierin bestünde auch der Mehrwert des Prozesses, der Schnittstellen offen legen, Koordinierungen verbessern und Angebotslücken identifizieren solle. Der daraus resultierende Qualitätszuwachs komme mittelbar den Ratsuchenden zugute, wie Dr. MICHAEL CORDES betont. Dies bestätigte auch DR. MATTHIAS SCHULZE-BÖING (Kommunales Jobcenter Offenbach) aus der Perspektive der Anbieter, der den Mehrwert in der verbesserten Kooperation und Einbindung vorhandener Beratungsangbote und –strukturen sieht. Für die Jobcenter beinhaltet dies auch die Frage der Wirksamkeit und Qualität, die auch bei der Vergabe von Beratungsleistungen an Dritte relevant ist. Letztlich würde der Policy Review die zielgerichtete (Weiter-)Entwicklung entsprechender Maßnahmen und Angebote unterstützen.

Auch aus (länder-)politischer Perspektive würde ein Policy Review begrüßt, um einen ressortübergreifenden Überblick über die vorhandenen Strukturen und Angebote zu erhalten. Denn bisher lägen die Kenntnisse über Strukturen und Angebote oftmals allein bei den zuständigen Ressorts, mahnte Dagmar Kuhlich (Kultusministerkonferenz/ Senatsverwaltung Berlin). Auch gebe es bereits gute Erfahrungen mit solchen Review Prozessen auf Länderebene.

Zudem ermögliche der Policy Review im Ergebnis eine strategischere Ausrichtung der die Beratung betreffenden übergeordneten Themen, so DAGMAR KUHLICH. Oftmals verlören sich die Akteure in kleinteiligen Details und übersähen dabei das „große Ganze“. Eine solch strategische Ausrichtung  werte auch den Stellenwert und die Rolle der Beratung als eigenes Politikfeld auf, wie GABRIELE HAMMELRATH (MdL Nordrhein-Westfalen) betonte. Gerade auch hinsichtlich der weit verbreiteten Projektfinanzierung von Beratungsstrukturen böte der Policy Review die Gelegenheit, die Ergebnisse solcher Strukturen vergleichend zu analysieren, um daraus gegebenenfalls Erkenntnisse für eine Verstetigung zu gewinnen, welche Angebote effektiv und effizient sind. Solche Wirkungs- und Nutzenfragen seien besonders wichtig für die Rechtfertigung öffentlicher Ausgaben.  Gerade auch die Politik und die Beratungslandschaft brauche diesen Review, der systemisch und systematisch anzulegen sei, weil Beratung immer noch nicht als eigenes Aufgabenfeld gesehen werde und daher kein eigenes Politikfeld sei, in das natürlich auch Geld gegeben werden müsse.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gab dazu durch LUTWIN MARCHAND, Referatsleiter für Vermittlung, Beratung und Arbeitnehmerüberlassung folgende Stellungnahme ab:  „Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) unterstützt grundsätzlich die Zielsetzung eines Policy Reviews insbesondere zur Herstellung von mehr Transparenz und zur Förderung der Koordinierung und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren. Ein Review Prozess sollte dabei einen Beitrag dazu leisten, den Zugang zu einer kompetenten und professionellen Beratung für alle Bürgerinnen und Bürger zu verbessern. Dabei wird auch die Weiterentwicklung des europäischen Arbeitsmarktes eine Rolle spielen. Hier könnte ein zusätzlicher Mehrwert in der Einbeziehung der europäischen Perspektive in einen solchen Review-Prozess bestehen, denn die Nachfrage nach Beratung auf diesem Feld wird steigen. Aufgrund der Heterogenität und Komplexität des Themas Beratung sowie der verschiedenen Verantwortlichkeiten auf den unterschiedlichsten Ebenen des Staates dürfte allerdings ein sektoraler Ansatz eher auf Zustimmung bei den verschiedenen Akteuren stoßen.“

Eine klare positive schriftliche Stellungnahme zu einem Policy Review mit der Erklärung zur aktiven Beteiligung übersandten auch der DEUTSCHE VOLKSHOCHSCHULVERBAND DVV und der LANDESVERBAND NIEDERSACHEN DES DVV: „Bei der Rasanz gesellschaftlicher Veränderungen ist es geboten, sich in definierten Zeiträumen einem Review zu unterziehen, um zu überprüfen, ob mit den vorhandenen Mitteln und personellem Einsatz die gewünschten Ergebnisse erzielt werden.“ Etwas zurückhaltender gegenüber einem Policy Review äußerte sich JÜRGEN SPATZ (Bundesagentur für Arbeit), der den Policy Review zwar als politisch wünschenswert erachtet, den Mehrwert jedoch vor allem darin sieht, dass die daraus resultierenden Anregungen und Empfehlungen Beratungsanbietern eine Möglichkeit zur Reflexion der eigenen Strategie und Leistung böten.

2. Wie könnte ein solcher  Policy Review Prozess aussehen, welche Formen sind dafür vorstellbar?

Einig waren sich die Experten/innen darin, dass die größte Herausforderung bei einem Policy Review die der Komplexität des Beratungssystems, die unterschiedlichen Zuständigkeiten, Strukturen, Angeboten und Zielgruppen darstelle. Auch müssten die vielfältigen Akteure und deren Interessen in den Blick genommen werden, betonte ACHIM MEYER AUF DER HEYDE (Deutsches Studentenwerk). Dieser Komplexität müsse daher bei der Analyse Rechnung getragen werden „ohne dass man sich in dieser Komplexität verläuft,[und] ohne dass man irgendwann Schlussfolgerungen hat, die die einzelnen [Beratungs-]bereiche nicht mehr betreffen“, wie KLAUS FAHLE zusammenfasste. Auch ACHIM MEYER AUF DER HEYDE verkennt nicht, dass eine Standardisierung auch angesichts der Vielfalt der Ratsuchenden und ihrer Lebenswelten, mit denen Beratung umgeht, schwierig würde.

Zudem zeugten die aufgezählten Fragestellungen, die ein Policy Review beantworten solle, von den vielfältigen Bedürfnissen nach evidenzbasierter Politik im Beratungsbereich und markierten so auch den Umfang eines solchen Vorhabens. Der Policy Review sollte demnach zum Beispiel Fragen zur Professionalität und Professionalisierung der Beratenden, zum Zugang zu Beratung, zur Transparenz der Angebote und zur Qualitätssicherung beantworten, so  ACHIM MEYER AUF DER HEYDE und DR. MATTHIAS SCHULZE-BÖING.

Die Einigung über die Zielsetzungen des Policy Review und über zentrale Fragestellungen mit allen Stakeholdern und Akteuren sei daher ein wichtiger erster Schritt, betonten MARGRIT ZAUNER (Senatsverwaltung für Arbeit und Integration des Landes Berlin), ACHIM MEYER AUF DER HEYDE und CHRISTIAN HOLLMANN (Zentralverband des Deutschen Handwerks) und ebenso der DVV, der zusätzlich auch eine finanzielle Perspektive anmahnt. Eine solche vorherige Abstimmung sei auch deshalb von hoher Bedeutung, weil die Zielsetzungen den Grundstein für die Ergebnisverwertung im Sinne politischer Handlungsempfehlungen legen. Hierbei müsse frühzeitig sicher gestellt werden, dass die Ergebnisse und Empfehlungen ernstgenommen und umgesetzt werden.

Um Einigung über die Zielsetzungen und Fragestellungen zu erreichen und um letztlich zu verwertbaren Ergebnissen zu gelangen, sei die Vernetzung der verschiedenen mit Beratung befassten Ebenen und Strukturen unumgänglich, was im Bildungsföderalismus, so MATTHIAS ANBUHL, eine besondere Schwierigkeit darstelle. Auch DR. MATTHIAS SCHULZE-BÖING, JÜRGEN SPATZ UND ACHIM MEYER AUF DER HEYDE betonten die Notwendigkeit für ein solches kooperatives Vorgehen. So müssten zunächst alle Ebenen und Akteure aus den verschiedenen Ressorts, Bildung, Arbeit, Soziales, Wirtschaft u.a., zusammengebracht werden. Anschließend könne abhängig von Ressourcen und Kapazitäten über das konkrete Vorgehen entschieden werden, wobei JÜRGEN SPATZ die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Finanzierung unterstrich.

Ein solch konsensuales Vorgehen in Abstimmung mit den Ländern forderten auch die politischen Vertreterinnen der Länder. So machte MARGRIT ZAUNER deutlich, dass der Policy Review nur unternommen werden könne, wenn alle Beteiligten einbezogen und wenn die spezifischen Strukturen vor Ort respektiert würden. Ein Policy Review Prozess dürfe die besonderen Spielräume vor Ort nicht einschränken und dürfe keine reine Anpassung gewachsener regionaler Strukturen verlangen, auch wenn gemeinsame Standards ein wichtiger Anker seien. Sie mahnte weiterhin an, dass die Abstimmung über Ländergrenzen hinweg mit allen Ebenen nur mit Kommunikation auf gleicher Augenhöhe, gegenseitiger Kenntnis und Anerkennung der örtlichen Strukturen und Besonderheiten funktionieren könne. In einem solchen Prozess, so ergänzte GABRIELE HAMMELRATH, müsse jeder Akteur seine Rolle finden, denn die Zuständigkeiten und Aufgabenstellungen seien umfangreicher und unübersichtlicher geworden. Im Kontext des Lebenslangen Lernens könnten sich Planungen nicht mehr in Ressortunterteilungen erschöpfen. Sie unterstrich daher die Notwendigkeit einer festen Struktur für die Zusammenarbeit im Policy Review Prozess.

Die Komplexität des Beratungssystems wirkt sich also auf die konkrete Organisation eines Policy Review Prozesses in Deutschland aus. Man könne mit bereichsübergreifenden Standardfragen beginnen, die dann auch sektoral behandelt werden können, schlug ACHIM MEYER AUF DER HEYDE vor. In einem weiteren Schritt müssten die sektoralen Aspekte wieder zusammengefügt werden. Dieser breite Ansatz wurde von MATTHIAS ANBUHL unterstützt, der anmerkte, dass ein Policy Review sowohl die Strukturen und Angebote in den einzelnen Bereichen und Sektoren als auch die Schnittstellen und Verknüpfungen analysieren müsse. Dies sei letztlich notwendig, damit die Nutzer einen Mehrwert aus dem Policy Review schöpfen. Insofern schlug er eine Mischform aus Bottom-up und Top-Down- Prozessen vor, die einerseits politisch und wissenschaftlich begleitet werde und andererseits die Praxis vor Ort einbeziehen sollte.

 Die Machbarkeit eines solchen „Globalansatzes“ sah CHRISTIAN HOLLMANN mit Verweis auf die zumeist regionale Verantwortung und Verortung von Beratungsstrukturen und Angeboten eher kritisch. Er betonte, dass der Policy Review regionale Akteure einbeziehen müsse, um zu Ergebnissen zu gelangen. Auch JÜRGEN SPATZ zweifelte an der Machbarkeit eines bereichsübergreifenden Policy Review über alle Beratungsbereiche hinweg, von denen es zu viele gebe. Eher erscheine für ihn eine Segmentierung des Review nach politischen Handlungsfeldern sinnvoll, da in diesem Zusammenhang die Zuständigkeiten eindeutiger seien.

Einvernehmen bestand auch über die Handreichung „Entwicklung einer Strategie zur Lebensbegleitenden Beratung: Eine europäische Handreichung“, die als hilfreiche und anschlussfähige Grundlage für einen Policy Review anerkannt wurde. Allerdings sollte sie unter Berücksichtigung der Anforderungen des deutschen Kontexts für die einzelnen Politikbereiche aufbereitet werden. Dabei schlug DR. MATTHIAS SCHULZE-BÖING vor, die Fragestellungen für den Policy Review zu verdichten.

CHRISTIAN HOLLMANN gab weiterhin zu bedenken, dass der Policy Review an vorhandene Strukturen und Erfahrungen anknüpfen müsse. So gebe es bereits Untersuchungen und gute Praxisbeispiele, die verwendet und deren Kontinuität zu sichern sei. Auch ACHIM MEYER auf der Heyde verwies auf übergreifende Studien des Deutschen Studentenwerks zur Beratungsnachfrage und zu Angeboten über die verschiedenen Lebenssituationen und –umfelder hinweg. Dieses Anliegen wurde auch besonders von MARGRIT ZAUNER vertreten, die die Würdigung und Einbeziehung vorhandener Strukturen forderte.

Fazit und Ausblick

Insgesamt zeigten die Teilnehmer/innen und Experten/innen der Konferenz eine große Offenheit und Zustimmung hinsichtlich der Notwendigkeit und Nützlichkeit eines Review Prozesses auf Basis der Arbeiten des ELGPN. Ein solcher Soll-Ist Vergleich würde auf Basis dessen, was auf europäischer Ebene erarbeitet worden ist, die deutschen Beratungssysteme untersuchen und böte die Gelegenheit zum Vergleich der Beratungsstrukturen und Angebote anhand einheitlicher und übergreifender Kriterien. Letztlich könnte der Policy Review Prozess somit zur Entwicklung einer kohärenten, lebensbegleitenden Beratungsstrategie in Deutschland beitragen.

Die größte Herausforderung für die Durchführung des Policy Review ist die Komplexität des Beratungssystems, die nicht nur die Zuständigkeiten auf den verschiedenen politischen Ebenen betrifft, sondern auch über die verschiedenen Beratungsbereiche hinweg vorhanden ist. Der Policy Review muss daher die sektoralen Unterschiede bei der Kooperation und Koordination und bei der Beteiligung berücksichtigen und sollte zwar bereichsübergreifend geplant und abgestimmt werden, könne aber auch sektoral angesetzt werden, um eine bereichsübergeifende kohärente Strategie anzustreben.

In einem ersten Schritt soll daher zunächst Zielsetzung, Tiefe und Umfang des Policy Review konzeptionell in den Blick genommen und mit allen Akteuren und Stakeholdern abgestimmt werden, denn die Ergebnisse werden Bedarfe und Wünsche für politische Konsequenzen wecken. Aus diesem Grund wurde das BMBF  als  Veranstalter der Konferenz ermuntert und gebeten, konkretere Abstimmungen zur Beteiligung, Umsetzung und Durchführung mit allen Akteuren und Stakeholdern zu organisieren. Als Auftakt sollte eine Abstimmung zum weiteren Vorgehen unter den Mitgliedern der deutschen ELGPN Delegation (BMBF, BA, KMK und nfb) stattfinden. Parallel dazu  werden die Erfahrungen beim Vorgehen eines Policy Review aus anderen europäischen Ländern genutzt. Hierzu ist im Rahmen des ELGPN ein Treffen im Rahmen eines sogenannten Clustering mit anderen europäischen Ländern im November 2013 in Berlin geplant.

Zielsetzung und Ergebnis des Policy Review Prozesses sollen die verbesserte Transparenz der Beratungsstrukturen und –angebote sowie die Förderung von deren Qualität und Effektivität zum Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger sowie die Gesellschaft als Ganzes sein. Dadurch wird Beratung zukünftig noch besser  im Sinne seiner Funktion als „Gelenköl“ zur Erreichung bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Ziele beitragen können.

Judith Frübing, nfb

 

Positionen aus den Verbänden

Zusätzlich zu den Positionen aus der Podiumsdiskussion nahmen der Deutsche Volkshochschulverband DVV und der Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsen, der Deutsche Verband für Bildungs– und Berufsberatung dvb sowie der Berufsverband für Beratung, Pädagogik und Psychotherapie (BVPPT) zur Notwendigkeit und Umsetzung eines Policy Review Stellung:

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Erschienen als Sonderbeilage zum nfb-Newsletter 02/ September 2013

Logo beauftragt vom BMBF

 

ELGPN LOGO

LLL Programme

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pdf- Tagungsbericht

Download Tagungsbericht als PDF hier

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Veranstalter: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

durchgeführt vom Nationalen Forum Beratung nfb

 

Tagungsort:
Presse- und Besucherzentrum im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Berlin

 

Teilnehmer/innen: 120

 

ELGPN Veröffentlichungen :

Entwicklung einer Strategie zur lebensbegleitenden Beratung: eine europäische Handreichung (Download/ Druckversion)

 

Kurzbericht: Politik für eine lebensbegleitende Bildungs- und Berufsberatung: Fortschritte Bericht über die Tätigkeit des ELGPN  2011–2012 (Download/ Druckversion)

 

Konzeptpapier 3: Berufsbiografische Gestaltungskompetenzen (Career Management Skills CMS): Faktoren für die erfolgreiche Umsetzung einer politischen Strategie (nur Download)

 

Konzeptpapier 1: Flexicurity: Konsequenzen für die lebensbegleitende Bildungs- und Berufsberatung  (nur Download)

 

Die Druckversionen können in der nfb -Geschäftsstelle bestellt werden.

 


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Impressionen:


Nomden

Koen Nomden, EU Kommission



Jenschke

Dr. Bernhard Jenschke, nfb



Konferenzeindrücke

Konferenzeindrücke,
Mitte: B. Jenschke und
Heike Maschner



Materialtisch

Am Materialtisch



Expertenrunde 1

Expertenrunde mit Vertretern der Nutzer und Anbieter



Expertenrunde 2

Expertenrunde mit Vertretern aus Politik und Verwaltung



Schober

Karen Schober, nfb

 

 


 

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Impressum

 

Tagungsbericht der Konferenz „Bildungs- und Berufsberatung in Deutschland – Policy Review und Europäische Benchmarks“,
Berlin 11. Juni 2013


Autorin:
Judith Frübing

 

Redaktion:
Judith Frübing, Bernhard Jenschke

 

Herausgeber:
Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung e.V. (
nfb);

Vorsitzende:
Karen Schober

Stellvertretende Vorsitzende:
Prof. Dr. Christiane Schiersmann,

Bent Paulsen

Schatzmeister:
S
tefan Nowack

Beisitzer:
Barbara Lampe,
Theodor Verhoeven

 

Geschäftsstelle:
Kurfürstenstr. 131, 10785 Berlin 
Tel. 030 - 257 937 41
Fax 030 - 263 980 999
info@forum-beratung.de

www.forum-beratung.de

 

Berlin, September 2013

 

Die Tagung und dieser Bericht wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01NY1301 durchgeführt und erstellt. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Herausgeber.