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Der Einsatz des französischen Konzepts zur Kompetenzbilanzierung in Europa

2015 -

Was ist Kompetenzbilanzierung?
Obwohl Kompetenzbilanzierung (manchmal auch aus dem französischen „Bilan de compétences“ übersetzt mit „Fähigkeiten Audit“ (skills audit) oder „Kompetenzbalance“) nicht überall außerhalb der frankophonen Länder bekannt ist, kann als einer der Pionieransätze für Berufswege-Beratung in Europa angesehen werden. Die ursprüngliche  Erprobung im Jahr 1986 führte zur Einrichtung von multidisziplinären Kompetenzbilanzierungszentren (Centres entre-institutionelles de bilan de compétences - CIBC)  und später zur gesetzlichen Regelung, mit der der Rechtsanspruch aller Bürgerinnen und Bürger auf Kompetenzbilanzierung im Jahr 1991 eingeführt wurde. Kompetenzbilanzierung ist als aktiver Ansatz konzipiert, der freiwillig in Anspruch genommen wird. Das  Instrument basiert auf der Bewertung, der Dokumentierung und der Anerkennung solcher Fertigkeiten, die durch formales, non-formales und informelles Lernen erworben wurden. Hierbei werden auch diejenigen Fähigkeiten und Motivationen berücksichtigt, die im Hinblick auf das berufliche, wirtschaftliche und soziale Umfeld eine Rolle spielen.

Bilan de Competence Ziele

Die Kompetenzbilanzierung führt in einem individualisierten Verfahren zur Definition eines realistischen Karriereziels und zu einem entsprechenden Handlungsplan. Die Kompetenzbilanzierung ist als eine Bildungsmaßnahme gestaltet, die es den Teilnehmenden ermöglicht, ihre Selbständigkeit zu entwickeln, ihre Entscheidungsfähigkeit sowie ihre Berufswegeplanungsfähigkeit (Career Management Skills). Das Kompetenzbilanzierungsverfahren wird abgerundet mit der Erarbeitung einer Zusammenfassung, die die wesentlichen Ergebnisse des Verfahrens enthält und geht in den alleinigen Besitz der  teilnehmenden Person über. Üblicherweise dauert ein Kompetenzbilanzierungsverfahren 18 bis 24 Stunden mit individuellen Interviews sowie Gruppenaktivitäten und wird in einem Zeitraum von sechs Wochen durchgeführt. Der methodische Schwerpunkt liegt im Erkennen von Fertigkeiten und Fähigkeiten mithilfe eines Kompetenz-Portfolios und daher wird dieses Verfahren in mehreren Ländern mit dem Verfahren zur Anerkennung früheren Lernens (prior learning) verbunden. Die interdisziplinäre Teamarbeit sowie die Einbindung in regionale Netzwerke waren von Beginn an einer der Grundpfeiler der Berufswege-Beratung in Frankreich.

Zur Geschichte der Kompetenzbilanzierung
Seit 1993 haben in der Folge der Verkündung des Gesetzes zur Kompetenzbilanzierung in Frankreich zahlreiche transnationale Aktivitäten zur diesem Thema stattgefunden. Diese Erfahrungsaustausche wurden im Rahmen europäischer Projekte organisiert und seit 1995 wurden Berater in anderen europäischen Ländern qualifiziert. Im Jahre 1999 drängten italienische Partner das französische Netzwerk, ein spezifisches Anerkennungsverfahren einzuführen, mit dem Einrichtungen ausgezeichnet werden sollten, die sich für das französische Kompetenzbilanzierungsverfahren  qualifiziert haben und sich somit von ähnlichen anderen Verfahren unterscheiden ließen.

Im Jahr 2000 wurde der Standard „Qualité Europe Bilan de Compétences“ (Europa Qualität Kompetenzbilanzierung) im Zuge transnationaler Zusammenarbeit geschaffen. Im selben Jahre wurden die Zertifizierungsregeln festgelegt, der Zertifizierungsausschuß gebildet sowie die beiden ersten Organisationen als zertifizierte Partner  bestätigt (eine italienische und eine deutsche Organisation, das Bildungsinstitut Pscherer in Lengenfeld, Sachsen).  Im Jahre 2005 wurde der Europäische Verbund für Berufswegeberatung und Kompetenzbilanzierung (FECBOP) geschaffen. Mitgliedschaft erwerben können vorrangig Organisationen, zugelassen sind aber auch Experten/innen als individuelle Teilnehmer/innen. Inzwischen hat der FECBOP über 100 Mitglieder (überwiegend Berufswegeberatungs-Einrichtungen) in acht europäischen Ländern und die Kompetenzbilanzierung hat eine große Verbreitung gefunden in den letzten Jahren (Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn usw.)

Das Qualitätssicherungssystem des FECBOP
Der Europäische Standard zur Kompetenzbilanzierung ist mit dem Ziel entwickelt worden,  eine Qualitätskontrolle von Anbietern (Organisationen wie z.B. Kompetenzbilanzierungszentren) der Kompetenzbilanzierung zu ermöglichen und ist an den folgenden vier Ebenen von Qualität ausgerichtet:
1.    Materielle Ausstattung: Personelle und sachliche Ausstattung (Zuverlässigkeit von Methoden und Instrumenten, interdisziplinäre Fähigkeiten und Erfahrungen der Beratenden, eingesetzte Infrastruktur)
2.    Expertise in Bewertungsverfahren und Berufswegeberatung (die Fähigkeit, angemessene Lösungen für die Ratsuchenden zu finden mit Blick auf Karriereziele und Handlungspläne)
3.    Nutzung der Expertise zum Zweck der Beratung zur Förderung der berufsbiographischen Gestaltungskompetenz (Career Management Skills)  (Nutzung klientenzentrierter kooperativer Ansätze und Schwerpunkt auf die Bildungsdimension von Beratung)
4.    Langzeitwirkung auf die Förderung der Selbständigkeit der Ratsuchenden sowie auf die Förderung  der berufsbiographischen Gestaltungskompetenz  (die Nachhaltigkeit der Wirkungen von Kompetenzbilanzierung).

Das Qualitätssicherungssystem wird mithilfe von Vor-Ort-Audits durchgeführt, die in der Regel zwei Tage dauern. Die zu bewertende Organisation wird anhand von 11 Kriterien evaluiert:
1.    Zweck: Das Karriere-Projekt ist in einen sozio-ökonomischen Kontext eingebunden
2.    Grundsätze: Der Ratsuchende ist der zentrale Akteur  in seinem Kompetenzbilanzierungsverfahren
3.    Einführende Informationsphase und freiwillige Teilnahme
4.    Drei gesonderte Phasen mit mindestens einem Interview pro Phase
5.    Abschlussbericht und sein Inhalt
6.    Verbindung zwischen Anerkennung und/oder Bewertung von informellem und non-formalem Lernen
7.    Multidisziplinäre Kompetenzen und Praktiken des Kompetenzbilanzierungs-Zentrums
8.    Professionalisierung und Weiterbildung der Beratenden
9.    Forschung und Entwicklung
10.    Folgeaktivitäten und fortlaufende Qualitätskontrolle der Verfahren
11.    Einbindung in lokale Entwicklungen und Netzwerkarbeit

In einer abschließenden Bewertung muss mindestens das dritte Qualitätslevel erreicht werden, damit  die Organisation die Voraussetzung erfüllt, entsprechend dem Qualitätskonzept zertifiziert zu werden. Der vom FECBOP beauftrage Auditor erstellt einen Auditbericht, der dem Zertifizierung-Ausschuss vorgelegt wird (dem Ausschuss gehören gewählte Vertreter aller Voll-Mitglieder an). Der Ausschuss verleiht dann das Qualitäts-Label für die Dauer von drei Jahren; danach ist ein Erneuerungs-Audit alle fünf Jahre erforderlich. Darüber hinaus sind interne Audits jährlich durchzuführen. Die Verleihung des Qualitäts-Labels berechtigt die Organisation zu einer Voll-Mitgliedschaft mit Stimmberechtigung im FECBOP.

Aktuell arbeitet der FECBOP daran, den traditionell organisations-zentrierten Qualitätssicherungsansatz in Richtung eines Systems weiterzuentwickeln, das auch die individuellen Ratgebenden einbezieht. Dies soll durch die Entwicklung eines europäischen Fortbildungsprogramms für Kompetenzbilanzierungs-Beratende sowie durch einen gemeinsamen Berufsstandard erfolgen.

Tomas Sprlak, FECBOP Internationale Beziehungen
t.sprlak@fecbop.eu

Übersetzung: Bent Paulsen

Erschienen im nfb-Newsletter 03/2015

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