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Die IAEVG Konferenz in Montpellier – Was beschäftigt die Praktiker und Wissenschaftler?

2013 -

Montpellier, Frankreich

Vom 25.9. – 27.9.2013 fand in Montpellier, Frankreich die diesjährige Konferenz der Internationalen Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung IAEVG/ IVBBB mit mehr als achthundert teilnehmenden Praktikern, Experten und Wissenschaftlern statt. Unter dem Titel „Bildungs- und Berufsberatung - ein Menschenrecht oder ein Bürgerrecht?“ wurde in einer großen Zahl von Vorträgen, Diskussionen und Workshops diskutiert, wie die Praxis der Beratung und staatliche Politik angesichts des stark ausgeprägten  Individualismus in den modernen Gesellschaften zur Realisierung von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit beitragen kann. Wie kann bildungs- und berufsbezogene Beratung die Heranbildung von Persönlichkeiten fördern, die in der Lage sind, ihre eigene Entwicklung zu der der Anderen und zur Allgemeinheit in Beziehung zu setzen? Welche Methoden und welche staatliche Politik sollten eingeschlagen werden, um dieses Ziel zu befördern?

Beratung als Menschenrecht oder Bürgerrecht?

Dabei hat das groß angelegte Konferenzthema in den Plenumsveranstaltungen und den Hauptvorträgen dazu angeregt, vor allem aktuelle politische Probleme (z.B. Jugendarbeitslosigkeit) und eher allgemeine gesellschaftsphilosophische Sichtweisen (z.B. die Spannung von sozialer Gerechtigkeit und sozialer Kontrolle, Bürger als Arbeitnehmer) zu diskutieren. Diese Fragen sind nicht zuletzt deshalb für die Weiterentwicklung der Beratung wichtig, da sich an ihnen auch eine Positionierung festmachen lässt: Wird Beratung  als Instrument des Staates verstanden, um Bürger an die Belange der modernen Arbeitswelt anzupassen oder ist die Inanspruchnahme von Beratung ein Recht der Menschen über das sie verfügen können, um ihre persönliche Entwicklung zu unterstützen? Die Key-Notes von Jean Guichard und Mark Savickas zu Beginn und zum Ende der Konferenz versuchten die Linie von solchen Fragen zur Entwicklung einer zeitgemäßen Beratungskonzeption zu ziehen. Dabei erwies sich allerdings der Brückenschlag von der Frage „was zeichnet eine heute angemessene Form der Beratung aus (z.B. eher Ressourcenorientiert, aktivierend, individuelle Konstruktionsprozesse anregend)“ zu Forderungen, die an politisch Verantwortliche adressiert werden können, eher schwierig und musste vage bleiben.

Vielfalt in den Arbeitsgruppen und in den Symposien

Außerhalb der großen Foren und Hauptvorträge ge-staltete sich die Konferenz traditionell offen - sowohl thematisch als auch vom Charakter der Beiträge her. Versucht man die Vielfalt der Symposien und Vorträge etwas zu systematisieren, so fallen einige Schwerpunkte auf, die die Konferenz kennzeichneten.

Wie nicht selten auf Konferenzen zur Beratung hatte die Sicht auf Individuen als Nutzer von Beratung eine relativ prominente Stellung. Neben Forschung zu individualpsychologischen Konstrukten („Career Adaptability“ oder auch „Hope“) wurden in diesem Themenkomplex auch interessante qualitativ fundierte Beiträge zur Diversität von Berufs- und Bildungsbiographien oder zur Einbindung der Nutzer als Akteure in die Gestaltung von Beratung eingebracht. Insgesamt fiel auf, dass die Bedeutung verschiedener Lebens- und Laufbahnabschnitte steigt und dass neben Jugendlichen zunehmend auch Erwachsene fokussiert werden. Die Frage der Beratung Älterer und auch die Bedeutung der früheren Kindheit waren dagegen kaum Thema. Dafür gibt es ein großes Interesse an bestimmten Zielgruppen, insbesondere an der Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund oder mit arbeitslosen Jugendlichen.
 
Aus der Sicht vieler Beiträge standen die Gestaltung von Beratungsprozessen oder neue methodische Ideen im Mittelpunkt. Schwerpunktmäßig wurden hier Verfahren vorgestellt, die in gewisser Weise ihre Praxistauglichkeit gezeigt haben. Eine eher forschungsbasierte Betrachtung von Prozessen fand sich allerdings selten. Hier besteht allgemein Nachhohlbedarf, auch was Forschung zu Prozesswirkungen betrifft.

Erfreulich hingegen ist die intensive Bearbeitung des Themas Praktiker als sich professionalisierende Berater. Zu diesem Themenbereich hat eine größere Anzahl – zum Teil auch empirisch fundierter - Beiträge zur Ausbildung und zur Kompetenz von Beratenden beigetragen.

Ein weiterer Schwerpunkt bezog sich auf die Organisation von Beratung. Z.B. wurden in Beiträgen aktuelle oder neue Formen der Beratung thematisiert (u.a. neue Medien und ihre Bedeutung für die Beratung, neue Angebote für bestimmte Zielgruppen, Niedrigschwelligkeit). Aber auch Aspekte von Qualität und Wirkung von Beratung waren Gegenstand verschiedener Workshops.

Die Fokussierung der Konferenz auf Fragen, die insbesondere die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die ökonomische Krise in Europa betreffen, spiegelte sich auch in vielen Einzelbeiträgen wieder.  (Siehe hierzu   das Kommuniqué der IAEVG zu sozialer Gerechtigkeit, das der Vorstand der IAEVG anlässlich der Konferenz verabschiedete: http://www.forum-beratung.de/internationales/iaevg/iaevg-kommunique-soziale-gerechtigkeit-in-der-beratung.html). Konkrete Konzepte oder Forderungen z.B. zur virulenten Frage der Finanzierung der Beratung waren darin jedoch kaum Gegenstand der Debatten.

Angesichts der hier nur ganz kurz skizzierten Vielfalt ist eine Gesamtbewertung einer solch großen Konferenz nicht möglich. Subjektiv kann man den Eindruck gewinnen, dass es insgesamt noch an Konzepten und auch an Forschung dazu fehlt, wie die individuelle Entwicklung im Zusammenhang mit den „großen“ politischen und sozialen Fragen konkret verbunden werden kann. Hier hat Beratung einen ihrer blinden Flecke, der sicher auch über diese Konferenz hinaus der Bearbeitung bedarf.

Dr. Peter Weber, Universität Heidelberg


Internetseite für den Kongress :  http://ciom2013.ac-montpellier.fr/

Erschienen in nfb-Newsletter 03/ Dezember 2013

IAEVG Kommuniqué: Soziale Gerechtigkeit in der Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung

Link zum Kommunique

 

IAEVG Tagung Plenum 2013

 

 

Dokumentation und Videos einiger Vorträge unter:
http://ciom2013.ac-montpellier.fr