Projekte

Hier können Sie sich für unseren Newsletter anmelden:

Mitgliederbereich


6. Internationales Symposium für Career Development and Public Policy

5. - 7.12.2011 -

Budapest, Ungarn

Vom 5.-7. Dezember 2011 fand in Budapest das 6.Internationale Symposium statt, das sich mit dem Verhältnis von Bildungs- und Berufsberatung und öffentlicher Politik befasste. Aus 31 Ländern haben nationale Länderteams mit 127 Fachleuten, politisch Verantwortlichen und Wissenschaftlern die Politikentwicklung im Bereich der Bildungs- und Berufsberatung diskutiert und reflektiert. Es ging darum, voneinander zu lernen und die Bildungs- und Berufsberatung national und  international zu befördern.

Diese Symposien sind keine Konferenzen im klassischen Sinn sondern Workshops, in denen an Hand von Themen und Fragestellungen Lösungsvorschläge bzw. Empfehlungen in international zusammengestellten Kleingruppen erarbeitet werden. Deutschland hat mit einer Ausnahme seit 1999 an allen bisherigen Symposien teilgenommen (siehe auch nfb-Newsletter 01/2010). Das deutsche Team bestand aus Dr. Bernhard Jenschke, Stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Forums Beratung nfb, und zugleich Beauftragter des BMBF, und Dipl. Pädagoge Peter C. Weber, Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg.

Die Eröffnungsansprachen hielten Robert Komáromi, Generaldirektor der Nationalen Arbeitsverwaltung Ungarns, die das Symposium organisierte, und der ungarische Arbeitsminister Dr. Sandor Czomba. Beide unterstrichen die hohe Bedeutung der Bildungs- und Berufsberatung für die individuelle und soziale Bewältigung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels und der veränderten Arbeitsmarkterfordernisse. Insbesondere trügen Bildungs- und Berufsberatung zur Lösung von Problemen wie z.B. Sicherung des Fachkräftebedarfs und Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen auf allen Ebenen des Bildungssystems bei und unterstützten die erforderliche Mobilität und Flexibilität von Arbeitskräften.

Das Programm des Symposiums befasste sich mit vier Themen:

  • Die sich verändernde Rolle von Praxis und Politik der Bildungs- und Berufsberatung und der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel
  • Lebensbegleitende Beratungspolitik als Teil einer integrierten Politik zur Entwicklung der Humanressourcen – Herausforderungen und Chancen
  • Die Rolle der Bildungs- und Berufsberatung in einer sich wandelnden Welt – Fähigkeiten und Kompetenzen für Beratende
  • Empirisch fundierte Praxis und Politik in der Beratung

Die zentralen Ergebnisse des Symposiums sind in einem Kommuniqué  (Link zur deutschen Übersetzung) zusammengefasst, das sich empfehlend an alle Verantwortlichen der Beratungspolitik und weitere relevante Institutionen in den einzelnen Ländern richtet.

Für die Diskussion der Beratungspolitik und die Weiterentwicklung der Bildungs- und Berufsberatung in Deutschland  hatten folgende Themen bzw. Empfehlungen, die sich auch im Kommuniqué finden, besondere Bedeutung:

Die empirische Fundierung von Praxis und Politik (Thema 4) ist insbesondere relevant in Beziehung zu dem vom BMBF geförderten Projekt „Offener Koordinierungsprozess Qualitätsentwicklung“. Der Bericht über die Zielsetzungen und  Ergebnisse dieses Projekts fand auf dem Symposium große Beachtung.  Qualitätskriterien oder Qualitätsstandards sowie die Kompetenz der Beratungsfachkräfte (Kompetenzprofil) sind als Input-Indikatoren wichtig für die Bewertung der Ergebnisse und Wirkungen von beraterischen Interventionen, und damit für eine evidenzbasierte Praxis- und Politikentwicklung.  Auch in Deutschland besteht weiterer Forschungsbedarf zu Effektivität und Effizienz von Beratungsangeboten sowie zu Fragen von „cost-benefit“ und „return on investment“. Besonders interessant war in diesem Zusammenhang der Bericht von V. Scott Solberg, Boston University, School of Education,1 über ein Qualitätskontrollsystem, das für arbeitsmarktpolitische Förderprogramme der US-Regierung mit einer Checkliste entwickelt wurde und analog auch für die  Bildungs- und Berufsberatung eingesetzt werden könnte.2 Dieser Ansatz könnte für die  Forschung zur Effektivität und Effizienz von Beratungsangeboten sowie zu Fragen von „cost-benefit“ und „return on investment“ in Deutschland sicher von Nutzen sein. Ein weiterer wichtiger Schritt zur Evidenzbasierung wäre die Aufnahme von regelmäßig erhobenen Indikatoren zur Bildungs- und Berufsberatung im Nationalen Bildungsbericht.

Im Kommuniqué wird die Rolle der Bürgerinnen und Bürger sowohl bei der Gestaltung von Beratungsdienstleistungen als auch bei Wirkungsanalysen besonders hervorgehoben. Eine weitere wichtige Empfehlung des Symposiums ist die Forderung, dass auf internationaler Ebene Beratungsindikatoren auch in die Pisa-Studien aufgenommen werden sollten. Außerdem wurde die Wiederholung der OECD Studie (2001-2004) empfohlen, die vielfach Anstoß für die Weiterentwicklung der Beratung auf nationaler Ebene war. Als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Strategie lebensbegleitender Beratungspolitik betonte das Symposium die sektorübergreifende Kooperation und Koordination im Beratungsbereich (insbesondere zwischen den Sektoren Bildung und Arbeit) und die Rolle von Kooperationsgremien, Netzwerken oder regionalen bzw. nationalen Foren. Standards für die Qualifikation der Beraterinnen und Berater (gegebenenfalls nach unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen) werden als fundamental für die Qualitätssicherung angesehen. Dabei sollte auch die Kompetenz der Beratenden für die Nutzung der modernen IKT Medien beachtet sowie die Fachkompetenz für Arbeitsmarkt-, Berufs- und Beschäftigungsthemen gestärkt werden. Manche Länder (z.B. Finnland) haben sektorspezifische Evaluationsstudien durchgeführt (Schule, Berufsbildung, Hochschule, Weiterbildung, soziale Eingliederung). Dies könnte eventuell auch ein Forschungsansatz für Deutschland sein.

Insgesamt hatte der Verfasser als aktiver Teilnehmer an der internationalen Diskussion den Eindruck, dass wir in Deutschland mit einer ganzen Reihe von beratungsrelevanten Projekten bei der Weiterentwicklung von Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung durchaus ein Stück vorangekommen sind, allerdings immer noch viel von anderen Ländern und im Rahmen des European Lifelong Guidance Policy Networks ELGPN (das bei dem Internationalen Symposium mit seinen Aktivitäten eine tragende Rolle spielte) lernen können.

Insbesondere ist nach wie vor wünschenswert, dass die Qualitätsentwicklung in all ihren Facetten sowie die Wirkungsforschung und Evaluation von beraterischen Interventionen und der Struktur der Angebote und damit letztlich auch die politische Legitimierung hoher finanzieller Investitionen in die Bildungs- und Berufsberatung vorangetrieben werden sollte („return on investment“).

Neben einer Weiterentwicklung der Bildungsberichterstattung bedarf es wohl auch des Aufbaus einer Datenbank zur systematischen Sammlung und Zusammenführung von Indikatoren zur Messung von Ergebnissen und Wirkungen von Beratung über die verschiedenen Beratungsbereiche hinweg (unter Nutzung  relevanter bundesweiter Daten, etwa der BA und anderer Institutionen, u.a. auch des Adult Education Survey).

Wichtig erscheint auch die Empfehlung des Symposiums, im Sinne eines besseren „branding“ eine einheitliche, auch für die Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen verständliche Sprache und Terminologie zu entwickeln und zu verwenden.

Weitere Informationen über die Veranstaltung sowie frühere Internationale Symposien sind auf der Webseite des „International Centre for Career Development and Public Policy“ (ICCDPP) veröffentlicht (www.iccdpp.org).

Bernhard Jenschke, nfb

_______________________________

1: V. Scott Solberg, Joan L. Wills, Spencer G. Niles: Establishing Accountability Metrics for Evaluating the Impact of Career Guidance Services on Academic, Career Development and Workforce Readiness Outcomes, Download

2: Das System funktioniert nach dem Vorbild des U.S. Department of Labour’s Workforce Investment Streamlined Performance Reporting System (WISPIR) und evaluiert die Leistung der Beratungsdienste nach Qualität und Umfang des angebotenen Services, nach den Auswirkungen des Dienstes auf die akademische Leistung und die berufliche Einsatzbereitschaft der Ratsuchenden, sowie nach „return on investment“ um die Kosten-Nutzen-Effektivität des Services zu beurteilen.