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Schon beinahe eine Tradition: Das Stelldichein der Bildungs- und Berufsberatung am Wolfgangsee - Eindrücke von der Fachtagung

26.04.-27.04.2012

Sankt Wolfgang, Österreich

Zum zweiten Mal hatten das österreichische Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) und das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur nach Strobl am idyllischen Wolfgangsee geladen, um mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis über das „Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung“ zu diskutieren und „das Gemeinsame in der Differenz“ zu finden. Die Heterogenität des Beratungsfeldes und die damit einhergehende unzureichende Professionalisierung der Bildungs- und Berufsberatung als eigeständige Profession mit eigener Identität waren der Ausgangspunkt für das Generalthema der Tagung mit dem Ziel, trotz dieser Unterschiede eine „Kernidentität der Bildungs- und BerufsberaterInnen zu entwickeln, die allen, unabhängig von ihren Tätigkeitsfeldern, gemeinsam ist – bei Kenntnis und Respektierung feldspezifischer Unterschiede“.

Rund 150 TelnehmerInnen,  überwiegend aus Österreich, der Schweiz und Deutschland ließen sich bei schon hochsommerlichen Temperaturen über aktuelle Entwicklungen aus Theorie und Praxis der Beratungsprofession informieren und inspirieren. Heiner Keupp (Ludwig-Maximilians Universität,  München) stellte zunächst sehr anschaulich und einprägsam dar, dass die Individualisierung und Pluralisierung der Lebenslagen die Menschen zwar aus den “Zwängen“ vorgefertigter Bildungs- und Berufswege befreit hat und die Entwicklung eigenständiger persönlicher und beruflicher Identitäten begünstigt, dass damit aber zugleich die Identitätsarbeit für den Einzelnen komplexer und schwieriger geworden ist. Beratungsarbeit ist insofern immer auch Unterstützung bei dieser Identitätsarbeit.

Andreas Hirschi (Leuphana Universität Lüneburg, jetzt Universität Lausanne) stellte in einer Tour d’horizon noch einmal die wichtigsten aktuellen Beratungstheorien vor – von Happenstance bis Life Designing – und deren Konsequenzen für die praktische Beratungsarbeit.

Im dritten Plenar-Referat stellte Karen Schober (Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung e.V. (nfb) und Internationale Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung – IAEVG) verschiedene internationale Ansätze zur Entwicklung von Qualität und Professionalität in der Bildungs- und Berufsberatung dar. Dabei zeigt sich u.a., dass gemeinsame, alle Akteure einbeziehende, gemeinsame Entwicklungs- und Konsultationsprozesse in der Regel erfolgreicher und nachhaltiger die Qualitätsentwicklung in der Beratung  befördern als der Versuch, Qualitätsstandards  über gesetzliche Regelungen „von oben“ einzuführen. Darüber hinaus ist zu beobachten, dass überall dort, wo starke professionelle Beraterverbände diese Prozesse in Gang setzen und steuern, die Erfolgs- und Durchsetzungschancen deutlich größer sind als in Ländern, wo keine solchen starken Verbände existieren. Kanada, Irland und Australien sind gute Beispiele hierfür. Internationale Organisationen und Beraterverbände (wie z.B. OECD,  IAEVG) sowie die EU sind ebenfalls starke „Treiber“ solcher Entwicklungen in den jeweiligen Mitgliedstaaten. So sind die Internationalen Ethischen Standards der IAEVG und deren Internationale Kompetenzen der Referenzrahmen für viele nationale Entwicklungen. Auch das Europäische Netzwerk für eine Politik lebensbegleitender Beratung (ELGPN) entwickelt einen gemeinsamen Europäischen Bezugsrahmen für Qualität und Professionalität in der Beratung sowie Indikatoren für eine evidenzbasierte Politik- und Praxisentwicklung.

Zehn parallele Foren boten die Möglichkeit, sich mit neuen Ansätzen aus der praktischen Beratungsarbeit auseinanderzusetzen: Der Bogen war weit gespannt – von  der „Beratung mit KlientInnen in Zwangskontexten“ bis hin zu Neuen Wegen in der „Nachberuflichkeit“. Ein aus meiner Sicht besonderes Highlight war ein praxisorientierter Workshop von Christiane Schiersmann (Universität Heidelberg) zur „Beratung als Förderung von Selbstorganisationsprozessen“. Ausgehend von einem systemischen Verständnis von Beratung erläuterte sie, dass sich solche Selbstorganisationsprozesse auf der Mikroebene als Wechselwirkungsprozesse zwischen einzelnen Elementen darstellen, die sich auf der Makroebene zu Mustern verfestigen. In der Beratung kommt es u.a. darauf an, diese Rückkoppelungsprozesse (gemeinsam mit den Ratsuchenden) zu erfassen und daraus Lösungsansätze für den Beratungsprozess abzuleiten. Hierzu wurde ein IT-gestütztes Verfahren entwickelt, das aus der Medizinforschung entlehnt ist, mit dessen Hilfe die Komplexität dieser Wechselwirkungen besser erfasst und abgebildet werden kann. Nach einer kurzen Einführung hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, in Kleingruppen an Hand von realen Fällen diese Methode der Systemmodellierung zu erproben.
Entspannung und Kurzweil bot schließlich unter fachkundiger Anleitung das gemeinsame abendliche „Jodeln“ – schließlich waren wir in Österreich!

Freuen können wir uns auch auf die für den Herbst angekündigte Veröffentlichung des Tagungsbandes und – auf die Fortführung der Tradition mit einer weiteren interessanten Tagung am Wolfgangsee in 2 Jahren!

Karen Schober, nfb

Alle Beiträge und Präsentationen finden Sie jetzt auf der Webseite des Bundesinstitut für Erwachsenenbildung: http://www.bifeb.at/index.php?id=601


darunter auch der Beitrag von Karen Schober: "Qualität und Professionalität in der Bildungs- und Berufsberatung - Internationale Ansätze in Praxis, Politik und Wissenschaft": http://www.bifeb.at/fileadmin/samba/Fachtagung/Schober_Beratungsqualitaet.pdf