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Erfolgreiche Arbeitspolitik braucht Vernetzung, Koordination und qualifizierte Beratung - Eindrücke von der G.I.B. Sommerakademie

05.07.2012 -

Bottrop

„Betroffene zu Beteiligten machen!“ Diese Empfehlung eines Teilnehmers aus der Arbeitsgruppe 1 („Wenn unterschiedliche Akteurssysteme an einem Tisch sitzen – wie kann Kooperation auf Augenhöhe gelingen?“) schien das unausgesprochene Motto der Tagung zu sein, die in entspannter, Atmosphäre und im charmanten Ambiente der Lohnhalle einer ehemaligen Zeche stattfand. Unter dem Thema „Veränderungen in der Arbeitswelt – Handlungsspielrume der Arbeitspolitik in Nordrhein-Westfalen“ präsentierten Landesregierung und Akteure aus dem breiten Handlungsfeld Ideen und Initiativen, Maßnahmen und Erfolge ebenso wie kritische Anmerkungen zur Arbeitspolitik in NRW. Martin Brussig vom IAQ der Universität Duisburg-Essen verdeutlichte zunächst, welche aktuellen und langfristigen Trends die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gegenwärtig und in Zukunft prägen (Demographie, Wanderungen, Globalisierung und Internationale Arbeitsteilung, Qualifikationsentwicklung etc.) und welchen Herausforderungen Politik sich stellen muss. Daran anknüpfend erläuterte Roland Matzdorf vom MAIS, wie die Landesregierung durch eine gleichermaßen an Arbeitnehmerinteressen und an betrieblichen Belangen ausgerichtete, kohärente und miteinander verzahnte Jugend-, Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik diese Herausforderungen in praktische Politik und Programme umsetzt und indem sie alle relevanten Akteure einbezieht, „Betroffene zu Beteiligten“ macht. Die Maßnahmen und Programme reichen vom Neuen Übergangsystem Schule –Beruf in NRW über einen Öffentlich geförderten Beschäftigungssektor bis hin zu Mediengestützter Weiterbildungsberatung und präventiven Ansätzen zum Erhalt und zur Verbesserung der Psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt.

Mit diesen und weiteren Themen befassten sich insgesamt  zehn Arbeitsgruppen, von denen hier nur selektiv berichtet werden kann.

  • AG 1: Eindrucksvoll berichteten VertreterInnen von Kommune, Schule, Arbeitsagentur und Jobcenter sowie von einer Handwerkskammer, wie und unter welchen Gelingensbedingungen die Zusammenarbeit zwischen diesen Akteuren auf kommunaler Ebene im Neuen Übergangssystem NRW funktionieren kann: Neben dem verbindlich erklärten Willen aller Beteiligten, jenseits der unterschiedlichen hierarchischen Systeme ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, müssen funktionierende Netzwerke gemeinsame Standards für Kooperation, für Monitoring und für Beratung entwickeln. Eine gemeinsame, lokal verankerte  Koordinierungsstelle für das Übergangssystem ist notwendig – gleichzeitig wurde allerdings auch vor „Überkoordinierung“ gewarnt. Im Zentrum müssten immer das Interesse und der Nutzen für die SchülerInnen oder die Ratsuchenden stehen.
  • AG 4 „Support für die Weiterbildung. Mit alten und neuen Medien die Teilnahme an Weiterbildung forcieren“. In NRW stehen bei diesem Thema seit einigen Jahren die Elemente „finanzielle Anreizsysteme“ und „Beratung“ im Mittelpunkt. So ist z.B. die Vergabe des Bildungsschecks mit einer obligatorischen Weiterbildungsberatung verbunden. Ziel ist es, diese Weiterbildungsberatung nicht nur auf die Beratung zu einer Einzelmaßnahme sondern auf die umfassendere Beratung zur beruflichen Entwicklung auszurichten. Darüber hinaus wird in der Neuausrichtung der Programme der Zusammenhang zwischen der Weiterbildungsberatung der Beschäftigte und der Potentialberatung für Betriebe berücksichtigt. Um Beschäftigte und Betriebe zu erreichen, werden möglichst viele Medien mit unterschiedlicher Ausprägung und der jeweiligen Zielgruppe entsprechend eingesetzt. Transparenz und leichte Zugänglichkeit werden über das  Service-Telefon „NRWdirekt“ und das Service-Portal: www.weiterbildungsberatung-nrw.de gewährleistet.
  • AG 8 „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“: Zunehmende psychische Störungen aufgrund hoher Belastungen, Stress, prekärer Einkommenssituation, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes u.ä. belasten MitarbeiterInnen und Unternehmen und beeinträchtigen sowohl die Arbeitszufriedenheit und Leistungsfähigkeit als auch die Produktivität. Der „Work-Ability Index“ (WAI) zur Ermittlung solcher psychischen Störungen soll Unternehmen unterstützen, die Ursachen eben dieser Störungen frühzeitig festzustellen und Abhilfe zu schaffen. Das 2003 auf Initiative der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gegründete „WAI-Netzwerk“ fördert die Anwendung des WAI in Deutschland. Die Mitgliedschaft im Netzwerk ist kostenfrei; Mitglieder sind u.a. Klein-, Mittel- und Großunternehmen sowie Einzelpersonen, öffentliche und private Einrichtungen. Gegenwärtig wird das Netzwerk durch INQA (Initiative Neue Qualität der Arbeit) finanziert. Noch ein weiteres Netzwerkprojekt „psyga transfer“  mit 16 Kooperationspartnern, gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales,  stellt Unternehmen Praxisinstrumente für solche Problemlagen zur Verfügung  (Download unter http://psyga-transfer.de/medien/).
  • AG 9 „Monitoring und Evaluation im Spannungsfeld von Sozialforschung und Politikberatung“: Erfolgreiche Arbeitspolitik geht nicht ohne eine Überprüfung der Effektivität und Effizienz der Maßnahmen und investierten Fördergelder. Welches Spannungsfeld sich hier auftut, erläuterte Thomas Mirbach von der Lawaetz-Stiftung – einer der G.I.B. vergleichbaren Hamburger Landesberatungsstelle – , die seit 1994 mit der Evaluation von ESF- und anderen öffentlich geförderten Projekten und Programmen über reichhaltige Erfahrung verfügt. Im Vortrag und in der Diskussion wurde allerdings auch deutlich, dass vielfach ein sehr naives Verständnis von Evidenz basierter Politik vorherrscht. Eine rein wissenschaftliche Evidenz kann es – so Mirbach –  im Feld der Politikberatung nicht geben, denn Zahlen sprechen nicht für sich, sondern bedürfen der politischen Interpretation und Bewertung. Insofern müsse auch der „Mythos evidenzbasierter Politikentscheidungen“ hinterfragt werden, denn Evaluation und Wirkungsforschung haben immer auch eine legitimatorische Funktion. Standards für die Evaluations- und Wirkungsforschung, wie sie von der Deutschen Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) entwickelt wurden, seien jedoch für eine wissenschaftlich fundierte Evaluation und Politikberatung unverzichtbar.


Abgerundet wurde die Sommerakademie durch zahlreiche informative Gespräche in den Pausen und nicht zuletzt durch die gelungene Kabaretteinlage von Edith Börner zur Telearbeit einer Sekretärin in der Kindererziehungszeit („Nix als Arbeit mit der Arbeit“).

Mehr unter: www.gib.nrw.de

Karen Schober, Susanne Schmidtpott  und Theodor Verhoeven (nfb)