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DGfB Kongress: Beratung M(m)acht Gesellschaft

30.08.2013 - 31.08.2013

Frankfurt/Main

Wie macht Beratung Gesellschaft? und Welche Macht hat Beratung in der Gesellschaft?  - Kongress der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB)

Der Kongress diskutierte unter dem Titel „Beratung (M)macht Gesellschaft?“ einige ungemütliche Fragen:

Beratung als Instrument zur Reproduktion des gesellschaftlichen Machtgefüges?

Ausgehend von Foucault über Elias und Keupp verdeutlichte Prof. Dr. Heidrun Schulze einleitend, wie Macht als soziale Praxis  in der Interaktion und im Diskurs hergestellt und somit auch in der Beratung rekonstruiert und reproduziert wird.  Folglich trüge Beratung zur Subjektivierung in der neo-liberalen Gesellschaft bei, da sie Probleme konstruiere und individualisiere. Trotz ihrer Multidisziplinarität bestätige Beratung in ihrer Orientierung an festen Strukturkategorien wie Familie, Geschlecht, kulturelle und soziale Herkunft eine auf Differenz beruhende, überholte Gesellschaftsordnung, wie Prof. Ruth Großmaß und Prof. Marion Meyer anschließend kritisierten. Gerade die oft gezielt ausgerichteten Förderprogramme, die Beratung strukturieren, hätten hierbei eine ausgrenzende und schließende Rolle.

Beratung als machtpolitisches Instrument gesellschaftlichen Wandels?

Dennoch könne Beratung in der reflexiven Gesellschaft auch die Macht reproduzierenden Diskurse überwinden, unterdrückte Diskurse freilegen und somit eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit schaffen. In diesem Zusammenhang führte Prof. Heidrun Schulze das Konzept der „narrativen Beratung“ ein, wodurch Beratung als Partizipation und Gegenmacht auf die gesellschaftlichen Machtgefüge einwirken könne. Dies beinhalte auch, sich die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten in der Beratung bewusst zu machen und dabei versteckte Differenzen und Dominanzen sozialer Zuschreibungen aufzudecken, wie Prof. Großmaß und Prof. Meyer weiterführten. Die drei Professorinnen betonten daraus schlussfolgernd das Potential der Beratung als gesellschaftliche Bewegung.

Wie Beratung gesellschaftlichen Wandel bewirken kann, beschrieben anschließend drei praktische Beiträge aus unterschiedlichen Themengebieten: Dr. Ulle Jäger (Universität Basel) zu gendersensibler Beratung, Dr. Monika Hauser (medica mondiale e.V.) zur Beratung traumatisierter Frauen in Kriegs- und Krisengebieten  und Antje Schneeweiß (Südwind Institut e.V.) zu kirchlichen Finanzanlagen. Diese und weitere Themen wurden am 2. Kongresstag in parallelen Workshops vertieft, wobei auch verbandspolitische Anliegen, wie die 2. Frankfurter Erklärung zur Beratung der DGVT, diskutiert wurden.

Die Rahmenbedingungen, unter denen Beratung gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann, beschrieben Prof. Christiane Schiersmann (Universität Heidelberg) und Prof. Sibylla Flügge (FH Frankfurt). Prof. Schiersmann stellte die aktuellen Ergebnisse und Vorhaben des Projekts Beratungsqualität vor und verdeutlichte, dass die Professionalisierung der Beratung auf allen drei Ebenen entwickelt werden müsse. Beratung erfordere somit die Professionalität der Beratenden, eine Qualitätsentwicklung in der Organisation und einen gesellschaftlichen Konsens über Qualität in der Beratung (siehe hierzu auch anliegender Projektnewsletter). Dass rechtliche Rahmenbedingungen hierbei nicht unbedingt förderlich sein müssen, verdeutlichte Prof. Flügge am Beispiel der Familienberatung.

Im Hinblick auf die vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen wird Beratung heutzutage oft als „Allheilmittel“ für gesellschaftliche Probleme angesehen und daher für politische Ziele instrumentalisiert, sei es in der Bildungspolitik, Familienpolitik oder ganz aktuell in der Engergiepolitik. Dies zu reflektieren ist eine Herausforderung für Berater/innen und für die Verantwortlichen im Feld. Es ist aber auch eine Chance für die Verbände, die durch politisches Lobbying auf die Rahmenbedingungen von Beratung einwirken können, um Beratung als Instrument gesellschaftlichen Wandels zu stärken.

Judith Frübing, nfb

Programm und weitere Informationen unter: http://beratung-macht-gesellschaft.de/