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Symposium 100 Jahre Counseling

13.12.2013 -

Düsseldorft, Hotel CVJM

Tradition, Vielfalt, Verbundenheit, Leidenschaft, Visionen

100 Jahre Counseling, gefeiert am 13.12.2013 – „Warum dieses Datum?“, fragt sich der geneigte Leser. „Passt!“ sagen zwei leidenschaftliche Counselor und Teilnehmerinnen der Veranstaltung:

Die Tradition – die Vergangenheit

Das Jahr 1913 steht in vielerlei Hinsicht für die Geburt des Counseling. Da beschäftigt sich Alfred Adler  in Wien im Rahmen seiner Ermutigungstheorie  mit  einer Beratungskonzeption, die später in  der Schrift „Heilen und Bilden“1 publiziert wird und die ganz bewusst das Prinzip der Ermutigung einsetzt, um das Entwicklungspotential des Klienten zu entfalten.  Bedeutsam ist das Wechselspiel von Individuum und Lebensverhältnissen, d.h. neben einer individuellen Beratung  steht im Sinne Adlers auch stets eine kritische Begleitung von gesellschaftlichen Umbrüchen.   Der individualpsychologische Ansatz  gewinnt im sozialdemokratischen Wien entscheidenden Einfluss, sei es auf die Wiener Schulreform, sei es im Hinblick auf die rasant wachsende Zahl von Erziehungsberatungsstellen, von denen es im Jahr 1913 bereits rund 30 gab.
 
Im Oktober 1913 findet die Gründungssitzung der NVGA National Vocational Guidance Association in den USA, der ersten amerikanischen Beruf(ung)s-Beratung, statt.2 Diese berief sich auf Frank Parsons, Ingenieur, Sozialreformer, Erziehungswissenschaftler und Jurist, der sein Beratungskonzept „Berufungsberatung“ („vocational guidance-career guidance“) nannte.

Ein weiteres Ereignis prägt den Zeitgeist dieses Jahres: Der "Verein für Freie Psychoanalyse“  wird  1913 umbenannt in ÖPIP „Österreichischer Verein für Individual-Psychologie,  um sich vom Kreis um Sigmund Freud abzugrenzen. 1913 hatte der Verein bereits 68 Mitglieder und vertritt souverän  die  Begriffe Beratung und Therapie gemeinsam, wie später in Rollo Mays Buch „The Art of Counseling“ 1939/1989 / „Die Kunst der Beratung“ 1991 verdeutlicht wird.3
 
Immer wieder fallen auf diesem Symposium die Namen der  berühmten Ur-Väter und –Mütter, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten den individualpsychologischen Ansatz von Alfred Adler in die ganze Welt tragen, wie beispielsweise Lucy Ackerknecht, Charlotte Bühler sowie die amerikanischen Psychologen Fred Massarik und Rollo May. Allen gemein  war die Grundlage eines  individualpsychologischen und damit  humanistischen Menschenbildes.

Die Vielfalt, die Verbundenheit – die Gegenwart

Counseling ist heute pädagogisch-therapeutisch oder berufsbezogen angelegte Begleitung psychodynamischer, interaktioneller und struktureller Lernprozesse in Erziehung, Bildung und Beratung. Das Gemeinsame aller am heutigen Tage vereinten Institutionen ist die Reflexivität der Akteure und der Gesellschaft. Dies verbindet ebenso die Akzeptanz der von den Urväter und –Müttern gegebenen Grundlage des humanistisch-  und individual-psychologischen Menschenbildes.

Auf dem Symposium wird die Vielfalt des Counseling deutlich. Wolfgang Röttsches (BVPPT) hebt das lebenslange Lernen  und die subjektorientierte Förderung heraus, Franz Christian Schubert (VHBC) und Hans Jürgen Seel (DGfB) zeigen das Spannungsfeld von Counseling in Wissenschaft, Forschung und Praxis auf, Barbara Lampe (Nationales Forum Beratung nfb) spricht vom „Counselor als Expeditionsleiter in unbekannte Gefilden“ und überreicht eine beeindruckende Wüstenfotografie als Geburtstagsgeschenk und  als ein  Symbol für Counseling. Dem wissenschaftlichen Diskurs über Adlers Ermutigungstheorie (Jochen Willerscheidt (DGIP) folgt der geschichtliche Abriss der ersten „100 Jahre Counseling Geschichte bis heute“ von Klaus Lumma, der in Gedenken an Fred Massarik sich der Musik, speziell dem Jazz bedient. Sein Beitrag wird begleitet vom ClassicJazzEnsembles Melli, Frank & Fats und verbindet damit die wissenschaftlichen Grundgedanken des Counseling mit einem kulturellen Erlebnis. Im Hinblick auf  seine Erfahrungen mit dem Post-Trauma-Counseling weist Klaus Lumma überzeugend  auf die  gemeinsamen Gelingensbedingungen von Counseling und Jazz hin.  Übrigens spielt auch in seinem Beitrag das Jahr 1913 eine entscheidende Rolle, denn in diesem Jahr erlernt Louis Armstrong, der Urvater des Jazz, in New Orleans sein erstes Instrument.

So zeichnet sich das Counseling  heute einerseits durch eine hohe Diversität  der unterschiedlichsten Ansätze und Methoden, andererseits aber ebenso durch eine gemeinsame Zielsetzung im Hinblick auf die Professionalisierung durch Counseling aus.

Leidenschaft, Visionen – die Zukunft

Es wird deutlich, dass  alle RednerInnen selbst ihren ganz persönlichen Einsatz für die Weiterentwicklung des Counseling geleistet und mit ihren visionären Vorstellungen  neue Wege eingeschlagen haben.  Die Leidenschaft, eine wesentliche Triebfeder der  Visionen , schwingt immer wieder in den verschiedenen Reden mit: Da ist die Rede von dem Erwecken schlummernder Potentiale, vom Ermöglichungsraum und vom Prinzip der Selbstwirksamkeit, von einer vernetzten Beraterlandschaft bis hin zur Idee einer  Beratungsprofession, die sich mit ihrer Kultur der Reflexivität zugleich als eine wesentliche gesellschaftliche Instanz versteht.
Das Counseling der Zukunft braucht in der Verbindung von Individuum und Gemeinschaft die Visionen seiner Akteure:

  • Counselor leben in ihrer Haltung ein humanistisches Menschenbild.
  • Counselor gestalten kreative und lösungsorientierte Beratungs- und Bildungsprozesse.
  • Counselor setzen sich aktiv für eine interkulturelle und inklusive Gesellschaft ein.
  • Counseling als Beratungsprofession trägt sowohl zur Gesundung des Einzelnen als auch zur Gesundung der Gesamtgesellschaft bei.
  • Counseling nimmt Einzug in die gesellschaftspolitischen Kontexte, denn  Counseling ist ein kontinuierlich genutztes Element in der Politik und Wirtschaft.
  • Counseling wird in der Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis zu einer  gesellschaftspolitischen Bewegung.

Das Symposium 100 Jahre Counseling bildet einen Meilenstein in der Geschichte des Counseling, jetzt ist es an den Akteuren – und hier insbesondere an der jüngeren Generation - in diesen Ermutigungsprozess einzusteigen und die nächsten 100 Jahre Counseling aktiv mitzugestalten, ganz im Sinne von Alfred Adler:

„Es ist niemals zu spät, aber immer höchste Zeit.“

Kirsten Böttger, Landesinstitut Hamburg/ Counselor Supervision grad. BVPPT (kirsten.boettger@li-hamburg.de) und Angela Keil, Counselor Supervision grad. BVPPT/
Aude! Counseling und Wirtschaftsmediation (keil@aude-counseling.de/ www.aude-couseling.de)

erschienen im nfb-Newsletter 03/ Dezember 2013

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1 Adler, Alfred: Heilen und Bilden. Ein Buch der Erziehungskunst für Ärzte und Pädagogen. Frankfurt 1983.
2 Siehe: http://www.ncda.org/aws/NCDA/pt/sd/news_article/70380/_PARENT/layout_details_cc/false
3 Klaus Lumma, Brigitte Michels & Dagmar Lumma: RESILIENZ – COACHING; Das A & O der orientierungsanalytischen Gestaltung von Beratungsprozessen, Hamburg 2013.