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Tagung: "Erwachsenenbildung und Selbstverständigung"

21.11.2014 -

Fachtagung am 21. November 2014 auf dem Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam

Das  überdimensionierte Rotkäppchen -  Kunstobjekt am Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam – wirkt seltsam isoliert: Ihm  fehlt der Wolf und der  gesellschaftlichen Bezug. Während also Selbst- und Weltverständigung für das Märchenwesen schwer sein dürfte, war es genau  diese Selbstverständigung,  die im Mittelpunkt der Fachtagung „Erwachsenenbildung und Selbstverständigung“ am 21. November 2014 an eben jener Hochschule stand.

Die Tagung möchte sich der Gesellschaftlichkeit des Subjekts widmen. Im Kern geht es um professionelles Handeln, dass sich auf Selbst- und Weltverständigungsprozesse von Subjekten in Lehr-Lern-Kontexten bezieht und damit aus einer Binnenperspektive einen verstehenden Zugang zu Subjekten sucht.

Geladen hatte der Lehrstuhl  für Erwachsenenbildung/Weiterbildung und Medienpädagogik – und das nicht von ungefähr: Die Professur steht unter der Leitung von Prof. Joachim Ludwig, der  im November seinen 60. Geburtstag feiern konnte. Unter seiner Ägide haben sich mit erwachsenenbildnerischer Professionalisierung, Beratung und Lernen drei Forschungsschwerpunkte etabliert, mit denen die Potsdamer Professur eine eigenständige subjekttheoretische Perspektive auf Erwachsenenbildung vertritt.

Hochkarätig besetzt war deshalb auch das Auftaktpodium mit Prof. Dr. Wiltrud Gieseke (Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Dr. Dieter Nittel (Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Dr. Ekkehard Nuissl von Rein (TU Kaiserslautern) und Prof. Dr. Joachim Ludwig.

Da die Tagung als eine Einladung  zur Selbstverständigung innerhalb der Profession zu verstehen war, stand diese erste Diskussionsrunde unter dem Titel  "Abschied von der Profession – Professionalität als Leitidee des Arbeitens mit Erwachsenen?" Einleitend verwies Ludwig darauf, dass Bildungsprozesse zunehmend in allen Lebensbereichen eine Rolle spielen würden, auch und gerade dort, wo Menschen zwar eine fachliche Expertise mitbringen würden, aber keine pädagogische.  Diese Entwicklung evoziert die Frage, ob damit ein Entgrenzungsprozess eingeleitet ist,  in dem sich die Leitidee des Pädagogischen verliere und die Epoche der Profession zu Ende gehe. Gerade für den Bereich des kaum institutionalisierten pädagogischen Handelns in der Gesellschaft brauche es aber, so Ludwig, eine regulative Idee des Pädagogischen.

Dagegen stellte Nittel die These auf, dass es nicht um einen Abschied von der Profession gehen könne, weil man nie dort angekommen sei. Er verwies auf die Widersprüchlichkeit zwischen aktuellen Deprofessionalisierungsprozessen in der Erwachsenenbildung, wie sie z.B. in der Herabstufung von Hauptamtlichen sichtbar werde, und  ebenso aktuellen Professionalisierungsprozessen, für die 5 Merkmale konstitutiv seien: Institutionalisierung, Verwissenschaftlichung, Akademisierung und Verrechtlichung. Nittel warnte davor, dass Erwachsenenbildner im Zeitalter des Lebenslangen Lernens sich nicht allzuständig fühlen sollten.

Aus den Erfahrungen des European Master in Adult Education (EMAE), einem Masterprogramm, an dem sich 10 europäische Partneruniversitäten beteiligen und das Studierenden einen Überblick der Erwachsen- und Weiterbildung von einer europäischen Perspektive aus  bietet, skizierte Nuissl drei Problemfelder: Der Arbeitsmarktbezug des Feldes, der deutlicher werden müsse, Übergangsprobleme für bereits im europäischen Bildungsbereich Tätige und die fehlenden Promotionsmöglichkeiten und damit die Chance für wissenschaftliche Karrieren. Mit Blick auf gute Beispiele aus der Schweiz und Österreich plädierte er für mehr Fortbildungen von nebenberuflich in der Erwachsenenbildung Tätige, fragte aber andererseits auch nach Möglichkeiten und Beschränkungen durch pädagogischen Standards.

Wiltrud Gieseke sprach sich vehement für mehr Forschung -  v.a. auch Detailforschung zu Vermittlungsprozessen - aus, und verwies darauf, dass die  Forschungsförderung der vergangenen Jahre fast ausschließlich dem schulischen Lernen zugutegekommen sei. An die Adresse der Kollegen und Kolleginnen  richtete sie allerdings auch den Apell, die eigene Forschung ernst zu nehmen und  in den Diskurs zu gehen.  

Von allen Diskutanten hervorgehoben wurde Beratung als genuin pädagogisches Handlungsfeld. Beratung als Lernberatung wurde auch im Workshop des Panels „Professionelles Handeln als Unterstützung von Lern- und Bildungsprozessen“ (Leitung: Prof. Brödel) wieder aufgegriffen, u.a. wurde das Lernberatungskonzept VIVA von Prof. Ludwig grundsätzlich und in Anwendungsbeispielen diskutiert – sehr interessant die Umsetzung in einem Projekt  der Grundbildung: RAUS - Resozialisierung durch Alphabetisierung und Übergangsmanagement für Straffällige. Weitere Panels setzten sich mit „Profession und Gesellschaft“ sowie mit „Lern-und Bildungsprozessen in der Erwachsenenbildung“ auseinander.

Am Ende der Tagung gab es nicht nur eine große Schar von Gratulanten, sondern auch den druckfrischen Sammelband „Gesellschaftliches Subjekt. Erwachsenenpädagogische Perspektiven und Zugänge“, herausgegeben von Malte Ebner von Eschenbach, Stephanie Günther und Anja Hauser (2014. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren).

Weitere Infos zum Programm finden Sie hier: http://www.uni-potsdam.de/erwachsenenbildungmedien/tagung

 

Barbara Lampe, nfb / Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Mainz

Erschienen im nfb-Newsletter 03/2014