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Fachtagung Bildungsberatung Berlin: Neue Wege – neue Konzepte

17. Juni 2015

Das Projekt Bildungsberatung Berlin1 hat am 17.6.2015 eine Fachtagung für das Netzwerk der Beratungseinrichtungen und ihre Kooperationspartner und –partnerinnen durchgeführt, die auch das Interesse von Gästen aus anderen Bundesländern gefunden hat. Die Berliner Beratungseinrichtungen sind schon seit mehreren Jahren durch einrichtungsübergreifende Projekte des  Qualitätsmanagements, der Professionalisierung und der Evaluation koordiniert. In 2014 wurden zwei weitere innovative Vorhaben eingeführt: die Wirkungsmessung mit dem Online-Instrument CASIAN und die telefonische Bildungsberatung über das bundesweite Infotelefon Weiterbildungsberatung des BMBF. Anfang 2015 wurden Beratungseinrichtungen aufgefordert, sich an den Initiativen des Landes zur Unterstützung und Integration von Asylbegehrende und geflüchteten Menschen mit einem Angebot zur Bildungsberatung zu beteiligen. Diese ‚neuen Wege und neuen Konzepte‘ standen auf der Agenda der Fachtagung und wurden in drei Fachforen vertieft, flankiert von einem vierten Forum zur „Bildungsberatung als Bestandteil der Daseinsvorsorge – Notwendigkeit und Struktur“, das den Fokus auf die Funktion der Bildungsberatung und ihrer strukturellen Sicherung gerichtet hat.

In seinem Eröffnungsvortrag „Was Bildungsberatung kostet und nützt. Erkenntnisse und Evidenzen aus Theorie und Empirie“ hat Prof. Dr. Bernd Käpplinger (Humboldt Universität, Berlin) den Berliner Ansatz der Wirkungsmessung vorgestellt. Er zeichnet sich durch die Nähe der Wissenschaft zu den Systemen Beratungspraxis und Verwaltung aus. Der Vorteil liegt darin, dass die Expertinnen und Experten in Politik, Wissenschaft und Praxis sich in Diskussionen über die zentralen Beratungsfunktionen und Nutzen-Rationalitäten verständigen. So können Fehlannahmen  und Fehleinschätzungen ökonomischer Kosten-Nutzen-Bilanzen vermieden werden. Wissenschaftliche Studien mit einem hohen Anspruch an fachwissenschaftlich konstruierter und mit Hilfe von Kontrollgruppen überprüfter Wirkung (Evidenz) konzentrieren sich nur auf einen bestimmten ökonometrisch operationalisierbaren Realitätsausschnitt. Zu den sozialen Erträgen liegen zudem widersprüchliche Evidenzen vor. Öffentliche Verantwortung kommt folglich nicht umhin, politische Wertentscheidungen zu treffen. Aus diesem Grund ist die differenzierte Beschäftigung mit Wirkungen wichtig, so die Botschaft von Käpplinger.

Um die Engführung von ökonomischen Nutzenvorstellungen zu vermeiden, orientiert sich das Berliner Modell an der Maslowsche Motivationstheorie als „subjektive Wertschätzung eines Guts, das zur Bedürfnisbefriedigung beiträgt“ (Vgl. Tagungsbericht S. 5). Auf der Basis der Auswertung der Nachbefragung von Ratsuchenden durch das datenbankbasierte Online-System CASIAN konnte bei einer Rücklaufquote von 36 % die hohe Zufriedenheit der Ratsuchenden (über 90 %), hohe Lerneffekte (in der überwiegenden Anzahl der Items über 90 %) festgestellt werden. 10 Wochen nach der Beratung haben 22,4 % der Befragten eine Weiterbildung begonnen und 63,6 % geben Aktivitäten zur beruflichen Weiterentwicklung an. Das Fazit der ersten Erhebungsphase und ihrer Auswertung: Bildungsberatung wirkt und nützt (Ebd. S. 6).

Nach einem Vortrag von Henning Kruse (KES / Arbeit und Leben e.V., Berlin) waren sich die Teilnehmenden des Fachforums „Erfolge sichtbar machen – Wirkungsmessung als Instrument der Angebotssteuerung und des Qualitätsmanagements“ einig, dass die „harten Fakten“ der Wirkungen durch das Online-System CASIAN erfasst werden können. Qualitative Forschung ist zusätzlich notwendig, um Kausalzusammenhänge von Beratung und Wirkung zu erkennen. Bei der Interpretation und Bewertung der aggregierten Daten zu dem Zweck der Angebotssteuerung ist Reflexivität gefordert, um nichtintendierte Effekte zu vermeiden.

Seit Sommer 2014 bieten Berliner Volkshochschulen kostenlose Deutschkurse für geflüchtete Menschen an, die sehr gut nachgefragt sind. Darüber hat Helge Schätzel (VHS  Berlin Reinickendorf) in dem Fachforum „Bildungsberatung für geflüchtete Menschen – Erfahrungen und Perspektiven“ berichtet, denn hier soll Bildungsberatung anschließen und Information und berufliche Orientierung leisten. Akteurinnen und Akteure der Beratungspraxis und Integrationsarbeit haben darüber informiert, welchen Beitrag sie zur Integration von geflüchteten Menschen  in Bildung und Arbeit leisten können, welche Erfahrungen sie haben und welche Fragen sich aus ihrer Sicht an Politik und Beratungspraxis stellen. Offensichtlich fehlt es noch an Transparenz, Kooperation und an einem effektiven Wissensmanagement für eine sinnvolle Aufgabenteilung.

Die Modellphase des bundesweiten Bildungstelefons startete zum Jahresbeginn 2015. Für eine angemessene Einschätzung ist die Laufzeit noch zu kurz. Andererseits ist bei Projektbeginn der Diskussionsbedarf besonders hoch. Achim Fischer (LernNetz Berlin-Brandenburg e.V., Berlin) hat in seinem Impulsvortrag für das Fachforum „Neue Wege der Zielgruppenerreichung – telefonische Bildungsberatung über das bundesweite Infotelefon Weiterbildungsberatung“ den Einstieg über einen Vergleich des bundesdeutschen Ansatzes mit der telefonischen Bildungsberatung in England und in Österreich gewählt. Seine Thesen zu Vor- und Nachteilen telefonischer Bildungsberatung und seine Einschätzung der bisherigen Erfahrungen in der Modellphase boten Diskussionsstoff. Studien zufolge ist telefonische Beratung nicht kostengünstiger als Face to Face Beratung. Das Potenzial der telefonischen Beratung liegt vor allem in ihrer  Niedrigschwelligkeit. Der bundesweite Teleservice könnte seinen Nutzen verstärken, wenn er wie in England intensiver angeboten und beworben würde.

Das Fachforum „Bildungsberatung als Bestandteil der Daseinsvorsorge – Notwendigkeit und Struktur“ bot dem Fachpublikum der Tagung eine Gelegenheit, sich mit grundlegenden Fragen zur Institutionalisierung ihres Aufgabenfeldes zu befassen. Dazu hat  Michael Lüdtke (Arbeit und Leben e.V, Berlin) in seinem Impulsbeitrag den Wandel von der Eingriffsverwaltung zur Leistungsverwaltung und Grundversorgung in den 1930er Jahren in Erinnerung gerufen. Erst seit den 1980er Jahren gewinnt Bildungsberatung an Aufmerksamkeit. In den Anfängen ist sie vor allem kurativ, temporär und auf einzelne Fallgruppen bezogen. 30 Jahre später ist die Einordnung der Beratung zu Bildung und Berufs als Bestandteil des öffentlichen Bildungsauftrags noch nicht zufriedenstellend vollzogen. Deshalb diskutierte das Forum die Frage: Wie kann eine allgemeine Beratung zu Bildung und Beruf als öffentliche Grundversorgung legitimiert werden?

Fazit
Auf der Tagung präsentierte sich die Bildungsberatung Berlin als ein entwicklungsorientiertes und reflexives Netzwerk von Einrichtungen und einrichtungsübergreifenden Projekten.

Interessierte können eine Zusammenfassung des Einführungsvortrags und der Fachforen sowie die Vortragsfolien in dem Tagungsbericht von KES /Arbeit und Leben e.V. Berlin nachlesen. Online zugänglich unter: http://www.bildungsberatung-berlin.de/fachtagung/

Dr. Hildegard Schicke, KOBRA Beruf| Bildung | Arbeit, Berlin

Erschienen im nfb-Newsletter 02/2015

Eindrücke

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Fotos: ©Laura Markert