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Beratung vor Ort – das Erfolgsrezept von „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier“ BIWAQ

2014 -

Orhan Güleş, Regine Wagner, Bundesinstitut für Bau- Stadt, und Raumforschung (BBSR)

Die Bedeutung von Bildung für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt nimmt zu. Um den Zugang „bildungsferner“ Menschen zu Bildung und damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, bedarf es nicht nur finanzieller Anstrengungen, sondern auch geeigneter Kommunikationsstrategien. Nicht selten ist dabei nicht der direkte, sondern der Umweg erfolgreicher, und zu wenig wird die Bedeutung des räumlichen Kontextes für Bildungsgerechtigkeit und -motivation berücksichtigt.

Mit dem Programm „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier“ (BIWAQ) fördern das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bauen und Reaktorsicherheit (BMUB) und der Europäische Sozialfonds (ESF) zwischen 2008 und 2014  221 arbeitsmarktpolitische Projekte in benachteiligten Quartieren (www.biwaq.de). Das Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) ist mit der wissenschaftlichen Begleitung des Programms beauftragt. Das Programm ist mit einem Mittelvolumen von 184 Mio. Euro ausgestattet, davon 124 Mio. aus dem ESF und 60 Mio. Euro vom BMUB. Aus dem Europäischen Sozialfonds stehen für BIWAQ in der weiteren gesamten Förderperiode 2014-2020 bis zu 90 Millionen Euro bereit. Dazu kommen bis zu rund 65 Millionen Euro aus dem Haushalt des BMUB In der Förderperiode sind zwei Förderrunden geplant, eine erste 2015-2018 und eine zweite 2019-2022.

BIWAQ ist eine arbeitsmarktpolitische Ergänzung zum investiv ausgerichteten Städtebauförderungsprogramm Soziale Stadt. Der Handlungsbedarf für dieses Programm liegt in überdurchschnittlich schwachen sozio-ökonomischen Strukturdaten der Quartiere begründet. In diesen Quartieren konzentrieren sich Armut, Arbeitslosigkeit und  niedriger Bildungsstatus. Das Lösen individueller Problemlagen wie z.B. fehlende Qualifikation wird durch das Wohnen in solchen Quartieren und ihren milieuspezifischen Einflüssen zusätzlich erschwert.

BIWAQ fördert sowohl auf der strukturellen als auch auf der individuellen Ebene. Zu den Zielgruppen zählen Arbeitslose, Alleinerziehende, Jugendliche mit fehlender Ausbildungsreife und niedrigen Bildungsabschlüssen, Hauptschüler/innen und Menschen mit Migrationsbiografie sowie lokales Kleingewerbe. Die Einbindung der Projekte in lokale integrierte Entwicklungskonzepte, ihre Verknüpfung mit städtebaulichen Investitionen und ihre Umsetzung mit lokalen Akteuren wie bspw. den Schulen in den Stadtteilen, lokale Elternvereine, Migrantenorganisationen oder Quartiersmanagements unterstützt die nachhaltige Sicherung der erzielten Wirkungen. Ideen und Ansätze werden nicht von oben vorgegeben, sondern lokal anhand der Bedarfslagen entwickelt. Dabei wird eine breite Vielfalt an Aktivitäten durchgeführt, die von offener Beratung vor Ort bis hin zu umfassender Qualifizierung und Ausbildung im Projekt reicht. Bis Oktober 2014 wurden rund 60.000 Personen an Bildungs-, Qualifizierungs- und Beratungsmaßnahmen teilgenommen haben, davon rd. 43% mit Migrationshintergrund. Geschlechterdifferenziert betrachtet, ist der Anteil der Migrantinnen höher als der Gesamtanteil der Frauen. Insgesamt werden damit mehr Menschen erreicht als zu Programmstart geplant.
 
Im Ergebnis der mittlerweile fast sechsjährigen Laufzeit haben sich eine Reihe von Gelingensfaktoren herauskristallisiert, die für eine erfolgreiche und nachhaltige Projektumsetzung zentral sind:

  • Den komplexen Problemlagen vor Ort kann nur mit einer ganzheitlichen und integrierten Vorgehensweise begegnet werden, die das jeweilige Lebensumfeld und dessen Einflüsse auf die einzelnen Menschen berücksichtigt.
  • Die Ansprache muss vor Ort, d.h. im vertrauten Lebensumfeld sowie unter Einbeziehung vorhandener Angebotsstrukturen und Multiplikatoren erfolgen. Insbesondere weniger mobile Menschen, wie z.B. Alleinerziehende, werden darüber besser erreicht.
  • Um bildungsferne Menschen zu erreichen, bedarf es niedrigschwelliger, kultursensibler, ressourcenorientierter Ansätze, bei denen das Ziel der Arbeitsmarktintegration zunächst nicht im Vordergrund steht. Als Einstieg bieten sich z.B. stadtteilbezogene Aktivitäten an, in die die Teilnehmenden ihre individuellen Talente einbringen und sich für den eigenen Stadtteil engagieren können. Dadurch entstandene „sicht- und erlebbare“ Ergebnisse (bspw. auch Projekte mit Stadtteil-, Bürger-, Schul- und Kitagärten und Urban Gardening) produzieren gleich mehrere erwünschte Nebenwirkungen: positive Resonanz der Nachbarn, gestärktes Selbstbewusstsein, soziale Interaktion, ein erweitertes individuelles Netzwerk, Motivation.
  • Erfolgreiche Beratung basiert auf Vertrauen. Vertrauen erfordert personelle Kontinuität und damit eine stabile finanzielle Basis für die Beratungsaktivitäten. Durch die lange Laufzeit von BIWAQ von bis zu vier Jahren kann individuelle Beziehungsarbeit schrittweise entwickelt werden. Auch eine Übergangsbegleitung nach erfolgreicher Arbeitsmarktintegration ist dadurch möglich.
  • Qualifizierungs- und Beratungsbedarfe werden individuell ermittelt und umgesetzt. Das Arbeiten in Beratungsnetzwerken sorgt für eine breite Angebotsbasis und damit für die notwendige zeitliche und individuelle Flexibilität, um passgenaue Lösungen zu ermöglichen.
  • Die kooperative Umsetzung in Netzwerken sorgt für eine Verteilung der Aufgaben auf viele Schultern und unterstützt damit die Nachhaltigkeit der geschaffenen Strukturen. Zum Selbstverständnis erfolgreicher Projekte zählt es daher auch, Anschlussperspektiven nach BIWAQ von Beginn an mitzudenken und die Kommunalverwaltung und -politik kontinuierlich einzubinden.

Das Alleinstellungsmerkmal von BIWAQ, das Zusammenwirken gebiets- und personenbezogener Maßnahmen, hat sich bewährt. Durch den flexiblen, offenen Ansatz kann mit passenden Maßnahmen auf den spezifischen lokalen Kontext reagiert werden. In den Quartieren ist so eine Vielfalt erfolgreicher Ansätze entstanden, die deutlich macht, dass es sich lohnt, lokale Ideen und Potenziale aufzugreifen und zu unterstützen.

Erschienen im nfb-Newsletter02/2014

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BIWAQ Foto W Weber

Nachbarschaftliche Bepflanzungsaktion in Berlin-Moabit

(Foto: Walter Weber)