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Studierende professionell beraten – Ein Weiterbildungsangebot für Studienfachberatende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

2014 -

Im Rahmen des Bund-Länder-Programms für bessere Studienbedingungen und mehr Qualität in der Lehre (Hochschulpakt II) stellt sich die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Projekt „Lehren, Organisieren, Beraten. Gelingensbedingungen von Bologna (LOB)“ den Herausforderungen einer kompetenzorientieren Lehre,  neuer Studienstrukturen und eines zunehmenden Beratungsbedarfs der Studierenden seit den Bologna-Reformen. Während eines knapp fünfjährigen Zeitraums entwickelt die JGU geeignete Maßnahmen zur Professionalisierung und Institutionalisierung der Studienfachberatung. Ziel ist es, neue Konzepte und Formate für eine alle Phasen des Studiums umfassende  Studienfachberatung auf Fachbereichs- bzw. Institutsebene zu erproben, die der gestiegenen Heterogenität der Studierenden Rechnung tragen und deren Selbstkompetenz stärken. Im Kontext dieses Gesamtvorhabens wurde vom Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) der JGU das Weiterbildungsangebot „Studierende professionell beraten“ entwickelt, das allen Studienfachberatenden der Universität offen steht.

Zielsetzung und Methodik

Das Qualifizierungsangebot richtet sich an etwa 140 Studienfachberatende in den Fachbereichen. Diese Zielgruppe ist durch eine starke Heterogenität im Zugang zum Beratungsfeld, in der Beratungserfahrung und hohe Fluktuation geprägt. Auch die konkreten Arbeitsbedingungen sind dabei häufig nicht ideal: So findet Beratung zumeist vor dem Hintergrund einer großen Arbeitsbelastung mit einem extrem knapp bemessenen Zeitbudget statt. Seitens der Vorgesetzten wird dabei häufig sowohl der Zeitaufwand als auch die methodischen Komplexität der Aufgabe unterschätzt. Das Angebot „Studierende professionell beraten“ trägt dazu bei, eine professionelle Beratungskultur in den Fachbereichen zu entwickeln, indem a) die Beratungskompetenzen der Teilnehmenden gestärkt und b) die einzelnen Fachbereiche und Institute für die Komplexität dieses Aufgabenfeldes sensibilisiert werden.

Während die allgemeine Studienberatung fächerübergreifend über Studienangebot, Bewerbungsverfahren und Fragen der beruflichen Orientierung berät sowie eine erste Anlaufstelle bietet, berät die Studienfachberatung spezifisch hinsichtlich eines Faches. Sie unterstützt die Ratsuchenden bei der aktiven Gestaltung des Studienverlaufs unter Einbeziehung individueller Interessen, Möglichkeiten und Problemlagen. Die Weiterbildung „Studierende professionell beraten“ versteht Beratung als einen integrativen Ansatz, bei dem der Lebenskontext des Ratsuchenden (Familie, Freundeskreis, Kommilitonen, soziale Netzwerke, Freizeitaktivitäten) miteinbezogen wird. Beratung wird dabei als ein Beziehungsgeschehen verstanden. Der/die Beratende richtet den Beratungsprozess ergebnisoffen an den Anliegen und den konkreten Bedürfnissen des/der Ratsuchenden aus und begleitet diesen professionell und wertschätzend. Da die zeitlichen Ressourcen in der Studienberatung begrenzt sind, ist Lösungsorientierung als Handlungsmaxime zu sehen.

Die Weiterbildung verknüpft persönliche Erfahrungen aus der Praxis der Teilnehmenden und vertiefende Informationen zu den jeweiligen Themen der Module. Diesem Zweck dienen Gruppenarbeiten, Fallarbeit, Triaden-Übungen, Selbstlernphasen sowie Lernen in selbstorganisierten Gruppen. Den Teilnehmenden steht während und nach der Qualifizierung eine Online-Plattform zum Austausch zur Verfügung, um eine nachhaltige Vernetzung fachbereichsübergreifend zu ermöglichen.

Aufbau und Inhalte der Weiterbildung

Die Weiterbildung besteht aus einer Basisqualifizierung sowie vertiefenden, themenspezifischen Zusatzmodulen. In der Basisqualifizierung – drei Module zu je 2,5 Tagen – werden Grundlagen und Grundhaltungen der Beratung vermittelt und intensiv eingeübt. Der Bestimmung von Studienberatung und Studienfachberatung innerhalb des Bildungsberatungsdiskurses gilt in Modul I ein besonderes Augenmerk. Gemäß dem praxisbezogenen Selbstverständnis der Fortbildung werden die Beratungshaltungen an konkreten Fallbeispielen erprobt, damit die Teilnehmenden sich über das eigene Beratungsverständnis klar werden. Dieser Aspekt wird zum Abschluss des dritten Moduls noch einmal aufgegriffen. Hier ist eine eigene Einheit zu dem Thema „Mein Beraterprofil“ eingeplant, in dem die Teilnehmenden das Gelernte und Geübte nun noch einmal in Bezug auf den eigenen Berufsalltag reflektieren. Da Beratung als ein Kommunikationsgeschehen gefasst wird, lernen die Teilnehmenden in Modul I außerdem unterschiedliche Kommunikationsmodelle und -formen kennen.

In Modul II stehen schwierige Beratungsfälle, Umgang mit Störungen und das Einüben von lösungsorientierten Beratungstechniken im Vordergrund. In diesem Modul wird die Trainerin von der Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle unterstützt. Anhand konkreter Fallbeispiele wird der Umgang mit schwieriger Beratung, dem Notfall bis hin zur Suizidandrohung eingeübt. Die Teilnehmer reflektieren anhand dieser Beispiele auch noch einmal die im ersten Modul theoretisch gelernte Differenzierung von Beratung und Therapie anhand praktischer Beispiele. Zielsetzung ist es, dass die Studienberater/innen sich ihrer eigenen Grenzen und Möglichkeiten bewusst werden und wissen, an welche Institution/Person sie den/die Ratsuchende/n im Notfall weiterverweisen können

Modul III ist in erster Linie der Beratung an Übergängen gewidmet. Hierfür erhält die Trainerin Unterstützung durch die Leiterin der Zentralen Studienberatung (ZSB), die über die drei Entscheidungssituationen a) Übergang Schule – Studium, b) Fachwechsel sowie c) Übergang vom Studium in den Beruf informiert. Zu den Rahmenbedingungen der Studienfachberatung gehört außerdem die Beschäftigung mit der Zielgruppe Studierende aus soziologischer und entwicklungspsychologischer Sicht. Auch das Thema „Rollenkonflikte“ findet hier Eingang: Insbesondere die Studienfachberatenden stehen vor der Problematik, die Studierenden sowohl unterrichten und damit auch bewerten, als auch mit der Zielsetzung der Neutralität beraten zu müssen. Außerdem werden für die Studienberatung relevante Beratungsformen und -formate thematisiert: E-Mail Beratung, Telefonberatung und die Erstberatung an einer Infothek.

Zwischen den Modulen finden Supervisionen in Form von Reflexionstreffen statt. Dabei werden konkrete Beratungsfälle und -situationen aus der Praxis der Beratenden besprochen und ausführlich unter professioneller Leitung reflektiert. Zielsetzung ist es, die Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion zu stärken.

Zertifizierung und Ausblick

Nachdem die Grundqualifizierung nunmehr zum dritten Mal stattgefunden hat, wird den nach Fachbereichen und Projekten zum Teil stark divergierenden Bedürfnissen der Zielgruppe i.S. einer qualitativen Lernspirale durch eine stärkere Modularisierung Rechnung getragen: Zukünftig wird die Grundqualifizierung in zwei Basismodulen umgesetzt, in denen Grundlagen der Beratung vermittelt werden. In weiteren Pflichtmodulen können sich die Teilnehmer dann bedarfsorientiert spezifische Themen frei wählen. In 2013 fanden bereits die zweitägigen Zusatzmodule „Beratung von Gruppen“ und „Online-Beratung“ statt. In 2014 werden die Module „Interkulturelle Kompetenz“ sowie „Kreative Beratungsmethoden in der Studienfachberatung“ angeboten. Zudem soll die Vernetzung und Qualitätssicherung der Studienberatung in den Fachbereichen durch eine kollegiale Beratung in Form von Gruppentreffen unterstützt werden.

Nach erfolgreicher Teilnahme an der Basisqualifizierung erhalten die Teilnehmenden eine Bescheinigung über die Inhalte der Weiterbildung. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, einen qualifizierten Abschluss zu erlangen. Dazu ist die Teilnahme an zwei Basismodulen und zwei Reflexionstreffen, vier themenspezifischen Aufbaumodulen, das Verfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit sowie die Dokumentation eines Beratungsfalls und die Teilnahme an einem Abschlusskolloquium notwendig. Drei Absolventinnen haben die Weiterbildungsreihe bereits mit dem Zertifikat „Bildungsberatung an Hochschulen“ abgeschlossen.

Das Weiterbildungsprogramm wird inner- und außeruniversitär sehr gut aufgenommen: Von den Teilnehmenden wird die Weiterbildung in den vom Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung durchgeführten Evaluationen sehr gut bewertet (im zweiten Durchlauf insgesamt mit 1,2). Ein Workshop zu Konzept und Inhalten während der Jahrestagung der Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen e.V. (GIBeT) fand so großen Anklang, dass es mittlerweile erste Anfragen für Inhouse-Schulungen an anderen Universitäten gibt. Derzeit reifen Überlegungen, das entwickelte Programm nach Projektende als strukturiertes, modular aufgebautes Kontaktstudium bundesweit anzubieten.

Weitere Informationen zum Programm finden Sie unter http://www.lob.uni-mainz.de/weiterbildung-fuer-studienfachberaterinnen-und-studienfachberater/.

Dr. Ulrike Weymann, Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Erschienen im nfb-Newsletter 01/2014