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Beratungseffekte sichtbar machen - Entwicklung eines Selbstevaluationstools zur Erfassung der individuellen Wirkung von beruflicher Beratung für den Personenkreis U 25 / Berufsberatung - Sekundarstufe I (BET- U25)

2014

Matthias Rübner, Stefan Höft, Stephanie Sauer, Michael Bösinger-Schmidt, Johanna Siegk (Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Beratungsangebote im Bereich von Bildung, Beruf und Beschäftigung zielen darauf, Individuen bei ihrer Laufbahngestaltung zu unterstützen. Angesichts der hohen Erwartungen an Beratung, die im Anschluss an die ländervergleichende OECD-Studie zur Bildungs- und Berufsberatung formuliert worden sind, fällt die evidenzbasierte Forschung in diesem Handlungsfeld bis heute erstaunlich bescheiden aus, jedenfalls für den deutschsprachigen Raum. Dies betrifft im Übrigen auch die Frage, wie die Beratung der unterschiedlichen Anbieter inhaltlich und prozessual ausgestaltet wird: Welche wiederkehrenden Themen werden tatsächlich in der Beratung behandelt und wie wird der Beratungsprozess konkret strukturiert? Hier setzt das im Folgenden vorgestellte Forschungs- und Entwicklungsprojekt „BET-U25“ an.

Bezugspunkt des Projektes ist die Berufsberatung von jungen Menschen durch die Bundesagentur für Arbeit. Mit jährlich rund 1,2 Millionen Beratungen von Schülerinnen und Schülern, Schulabgängern, Auszubildenden und Ausbildungsaussteigern unter 25 Jahren ist die Bundesagentur für Arbeit in Deutschland der größte Anbieter in diesem Bereich. In den Jahren 2010 bis Anfang 2012 hat die Bundesagentur für Arbeit in der Berufsberatung eine neue Beratungskonzeption eingeführt (vgl. Rübner & Sprengard, 2010 bzw. nfb-Newsletter 01/ März  2011 http://www.forum-beratung.de/veroeffentlichungen/newsletterarchiv/index.html). Neben der integrationsbegleitenden Beratung, die die Ausbildungsplatzsuche unterstützt, spielt die Orientierungs- und Entscheidungsberatung  junger Menschen im Rahmen ihrer Berufswahl eine zentrale Rolle. Um die Wirkung von Berufsberatung empirisch zu untersuchen und praktische Implikationen für die Weiterentwicklung der Beratungskonzeption abzuleiten, wurde die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit beauftragt, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem Veränderungsprozesse in der Berufswahlentwicklung von jungen Menschen gemessen und evaluiert werden können.

Das im Rahmen des Projekts entwickelte Selbstevaluationstool erfasst den Stand junger Menschen im Berufswahlprozess anhand von fünf zentralen Dimensionen: Einsatzbereitschaft/Problembewusstsein (PB), berufliche Selbsteinschätzung (BS), beruflicher Informationsstand (BI), Entscheidungsverhalten (EV)  und Realisierungsaktivitäten (RA) (vgl. Abbildung 1). Das wissenschaftlich validierte und inzwischen voll einsatzfähige Verfahren liegt in einer Kurzform mit 16 Items und einer Langform mit 50 Items vor. Im Anschluss an die Verfahrensentwicklung wurden im Jahre 2014 auf Basis unterschiedlicher Untersuchungsdesigns insgesamt 1.030 Jugendliche (Altersdurchschnitt 17 Jahre) befragt, die im Vorfeld einen Termin mit der Berufsberatung vereinbart hatten. Je nach Untersuchungsdesign sollten die Ratsuchenden den Fragebogen online vor der Beratung (prä), einige Tage nach der Beratung (post1) sowie drei Monate nach der Beratung (post2) ausfüllen. Ein Teil der Ratsuchenden erhielt direkt nach dem Ausfüllen ein graphisch und schriftlich aufbereitetes Feedback zu ihrem Berufswahlstand. Das Feedback beruht auf dem Vergleich mit einer Normgruppe gleichen Alters und Bildungsstandes und zeigt auf, wie die fünf Dimensionen ausfallen und ob gegebenenfalls ein Beratungsbedarf besteht. Zur Verfahrensabsicherung des Selbstevaluationstools wurden zusätzlich in 720 Fällen die Urteile von Beratungsfachkräften sowie in 103 Fällen die Urteile von nicht-teilnehmenden Beobachtern erfasst (Methodentriangulation). Diese beurteilten den Berufswahlstand der Ratsuchenden anhand derselben fünf zentralen Dimensionen. Der Vergleich der Selbst- und Fremdurteile zeigt statistisch signifikante Zusammenhänge in mittlerer Höhe (r =,43), die die Validität des Selbstevaluationstools untermauern. Um die thematische Bandbreite der Beratungsgespräche und die Wirksamkeit bestimmter Beratungselemente zu erfassen, werden derzeit 68 transkribierte Gespräche inhaltsanalytisch ausgewertet.

Abbildung 1

Abbildung 1

Die Ergebnisse der quantitativen Analysen zeigen, dass die Ratsuchenden im Vorfeld der Beratung ihren Berufswahlstand differenziert einschätzen. Den größten Bedarf sehen sie in den Bereichen der beruflichen Entscheidungsfindung und der Umsetzungsschritte. Die Erkenntnis, dass Berufswahlaktivitäten anstehen, und die berufliche Handlungsbereitschaft sind demgegenüber am positivsten ausgeprägt. Es folgen die Bereiche beruflicher Informationsstand und berufliche Selbsteinschätzung. Die aktuell vorliegenden Werte aus der ersten Nachbefragungswelle (wenige Tage nach der Beratung) zeigen, dass die Berufsberatung einen insgesamt positiven Effekt auf den Berufswahlstand der Ratsuchenden ausübt (t(228)= 5,90, p<,001; Cohen`s d= ,30). Signifikante positive Veränderungen können in den Bereichen berufliche Selbsteinschätzung, Entscheidungsverhalten und Realisierungsaktivitäten nachgewiesen werden (vgl. Abbildung 2). Die Effektstärken, d.h. die Einschätzung der Höhe der gefundenen Unterschiede vor und nach der Beratung, bewegen sich hier im unteren-mittleren Bereich und entsprechen den in Metastudien berichteten Effektstärken. Höhere Effektstärken nach einer einstündigen Berufsberatung würden folglich eher zu Skepsis veranlassen. Daher können die festgestellten Effektstärken als Beleg für die Brauchbarkeit des Verfahrens gewertet werden, Veränderungen im Bereich der beruflichen Entwicklung feststellen zu können.

Abbildung 2

Abbildung 2

Die Aussagekraft von Durchschnittswerten über den Berufswahlstand junger Menschen vor und nach einer Beratung stößt angesichts der Diversifizierung der Bildungswege und Lebenslagen schnell an Grenzen. Aus bildungs- und sozialpolitischer Perspektive sind etwa bestimmte Risikogruppen von besonderem Interesse. Laufbahntheoretisch wäre hier an junge Menschen an der ersten Schwelle zu denken, die ihrer Berufswahl keine große Bedeutung beimessen und nur eine geringe Handlungsbereitschaft ausgebildet haben. Die damit angesprochene Dimension „Problembewusstsein/ Handlungsbereitschaft“ stellt nach unserem Modell eine Basisdimension für die Berufswahl dar.

Die Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen mit einem geringen Problembewusstsein besonders stark von der Berufsberatung profitieren können (t(129)= -5,66, p<,001; Cohen`s d= ,49). Für diese Risikogruppe konnten signifikante Veränderungen in allen fünf  Bereichen nachgewiesen werden (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3

Die Erkenntnisse dieser Studie sprechen dafür, dass ein großes Potenzial in der Berufsberatung steckt: Beratung kann auch junge Menschen, die ihrer Berufswahl von sich aus keine große Bedeutung beimessen, erreichen und für die Berufswahl sensibilisieren; sie kann Wahrnehmungs- und Veränderungsprozesse in Jugendlichen anstoßen, die das Weiterkommen im  Berufswahlprozess beeinflussen und begünstigen können.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die bisherigen Ergebnisse der BET-U25-Studie für eine positive Wirkung von Berufsberatung auf den Stand von Jugendlichen im Berufswahlprozess sprechen. Die Forschungsperspektive des BET-U25-Projekts ist, auch über den Bereich der Beratung der Bundesagentur für Arbeit hinaus, im Bereich der Wirkungsforschung zur Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung bedeutsam.

Die noch ausstehenden Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalysen sowie der geplanten Verknüpfung der qualitativen mit den quantitativen Daten (mixed methods) versprechen empirisch fundierte Erkenntnisse über die Wirkung spezifischer Beratungselemente (Feedback, Lob etc.) sowie über deren Wirkungszusammenhänge mit externalen Faktoren.

Kontakt:

Hochschule.BET-U25@arbeitsagentur.de
http://www.hdba.de/forschung/projekte/bet-u25/

Literatur:

Rübner, M. & Sprengard, B. (2010). Handbuch für Berufsberaterinnen und Berufsberater. Beratungskonzeption der Bundesagentur für Arbeit. Band I. Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit.

Erschienen im nfb-Newsletter 03/ Dezember 2014