Projekte

Hier können Sie sich für unseren Newsletter anmelden:

Mitgliederbereich


Bildungsberatung - Kostenfalle oder Investition in die Zukunft?

2013 -

Eine qualitativ hochwertige Bildungsberatung kann wesentlich zur individuellen Ausgestaltung lebenslangen Lernens beitragen und einen wichtigen Beitrag zu einem gelingenden Leben leisten. Daher versuchen unterschiedliche Forschungs- und Förderinitiativen seit Jahren, Bildungsberatung in Qualität und Quantität in der Breite zu verankern. Gleichwohl liegen (in Deutschland) bisher kaum Wirkungsbeschreibungen im Sinne quantifizierbarer Erkenntnisse zum gesellschaftlichen wie auch ökonomischen Nutzen (Effekt) von Bildungsberatung vor. Im Gegenteil, Bildungsberatung erscheint unterprofessionalisiert und findet bei Entscheidungsträgern außerhalb der unmittelbaren Fachdisziplinen wenig Anerkennung.

Jedoch wird der Ruf nach nachvollziehbaren oder nachweisbar sinnvollen Ausgaben seitens der Bildungspolitik immer lauter: Fragen nach Qualität und ökonomischem Nutzen (nicht nur) von Bildungsberatung gewinnen an Bedeutung. Datenbasierung hat Konjunktur. Unabhängig davon, dass Bildungsinvestitionen nicht auf die (ökonomische) Verwertungsperspektive reduziert werden sollten, kann es zielführend sein, die Wirkung von Bildungsberatung mess- und beschreibbarer zu machen. Entscheidungsträger - zum Beispiel in Kommunen - bekämen zusätzliche Unterstützung, um darauf aufbauend zu tätigende (materielle und/oder personelle) Investitionskosten in die Bereitstellung von Angeboten zur Bildungsberatung abwägen und legitimieren zu können.

Bildungsberatung in der Praxis: Die „Dresdner Bildungsbahnen“

Die Landeshauptstadt Dresden etablierte im April 2010 ein kostenfreies und trägerneutrales kommunales Angebot zur Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung. Das Angebot entstand im Rahmen der Bundesinitiative „Lernen vor Ort“ und finanziert sich bis August 2014 aus Mitteln der Landeshauptstadt Dresden, des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union. Die Beratungsleistung wird an den 3 Standorten der Volkshochschule Dresden e.V., welche als Vertragspartner fungiert, angeboten. Für niedrigschwellige Zugänge sorgen eine zentrale städtische Beratungshotline (0351 488 8484), das mobile Angebot des „Bildungsbus“, welcher verschiedene Standorte mit wechselnden Kooperationspartnern bedient, sowie die Kooperation mit den 18 Zweigstellen der Städtischen Bibliotheken, über welche Erstinformation und Terminvereinbarungen realisiert werden können. Das Angebot richtet sich an alle Dresdnerinnen und Dresdner und wird insbesondere von Menschen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren in Anspruch genommen. Die Beraterinnen orientieren sich grundsätzlich an den Fähigkeiten, Interessen und bisherigen Erfahrungen der Ratsuchenden. Ob berufliche Neuorientierung, finanzielle Förderung von Bildung, Weiterbildung oder die Suche nach Freizeitangeboten, die Beratungsstellen stehen für jegliche Anliegen rund um Bildung (im Sinne eines erweiteren Bildungsbegriffes), Beruf und Beschäftigung zur Verfügung.

Die Beratungen werden mit Hilfe des Dokumentations- und Auswertungssystems des KES-Verbundes softwaregestützt erfasst. Seit April 2010 haben mehr als 3000 Ratsuchende das Angebot genutzt. Das Beratungsangebot wurde im Jahr 2012 von artSet nach KQB zertifiziert und wird jährlich im Zuge der Selbstevaluation überprüft. Die Zufriedenheits- und Weiterempfehlungsrate liegt beständig bei mehr als 95%. Quartals- und Jahresberichte dokumentieren die Entwicklung des Angebotes. Sie können allerdings nicht beantworten, was denn das Ganze „bringt“.

Wirksamkeitsmodellierungen: Ein empirisch schmaler Grat

Für den Erhalt und die nachhaltige Weiterentwicklung der kommunalen Bildungsberatung ist die Beantwortung der Wirkungsfrage von zentraler Bedeutung, insbesondere dann, wenn sich die Kommune aufgrund gesetzlich verankerter Verpflichtungen genauestens ihrer Investitionen in freiwillige Leistungen vergewissern muss. Die grundsätzliche Annahme, dass Investitionen in Bildung(sberatung) als präventive Maßnahme langfristig Kosten senken, mag intellektuell überzeugen, wirkt aber vor dem Hintergrund der Diskussionen um den Kita-Rechtsanspruch, den Bau von 16 neuen Schulen oder auch die Personalschlüssel in Kita, Schule oder Jugendhilfe wenig glaubhaft.

Angesichts der präzisen Dokumentation der Beratungsfälle und der permanent positiven Rückmeldungen zu den Beratungsleistungen entstand deshalb frühzeitig die Überlegung, die Wirkung der Bildungsberatung über eine Modellierung von Kosten und Nutzen beschreibbarer und damit überzeugender zu machen. Im Dezember 2011 beauftragte die Volkshochschule Dresden e.V. die IGES Institut GmbH mit einer Vorstudie zur Modellierbarkeit des ökonomischen Nutzens. Der Auftrag bestand darin, auf der Basis einer Literaturrecherche die Möglichkeiten zur formalen Darstellung von Nutzen und Kosten auszuloten, die verfügbaren Nutzen- bzw. Kosten-Daten zu recherchieren, ggf. zusätzlich zu erhebende Daten zu identifizieren, um anschließend die ökonomischen Effekte in Abhängigkeit der vorher bestimmten Parameter modellieren zu können.

Die Kosten von Bildungsberatung

Die Kosten für die Bildungsberatung der „Dresdner Bildungsbahnen“ sind leicht identifizierbar. Sie umfassen die Investitions-, Personal-, Aus- und Weiterbildungs-, Marketing- sowie Overheadkosten (Mieten, Material etc.) der Beratungsstellen. Es kann davon ausgegangen werden, dass zu Beginn, d.h. bei Etablierung des Angebotes, höhere Kosten anfallen als im laufenden Betrieb.

Die Modellierung des Nutzens von Bildungsberatung

Die Vorstudie der IGES Institut GmbH zeigt, dass der Gesamtnutzen von Bildungsberatung für ein Individuum als Summe von vier verschiedenen Effekten modelliert werden kann: (1) dem Erwerbseffekt, (2) dem Einspareffekt, (3) dem Bildungseffekt und (4) dem Individualeffekt.

1. Der Erwerbseffekt beinhaltet den Nutzen aufgrund eines höheren Einkommens bzw. aufgrund höherer Steuereinnahmen. Der Effekt kann monetär erfasst werden.

2. Der Einspareffekt, ebenso monetär darstellbar, umfasst niedrigere Transferleistungen (z. B. Sozialleistungen, Wohngeld) bzw. die Einsparungen von Arbeitslosengeldzahlungen aufgrund höherer Erwerbsbeteiligung oder eines höheren Einkommens.

3. Der Bildungseffekt umfasst den Nutzen, der sich aufgrund des durch Bildungsberatung respektive (Weiter-)Bildung erreichten höheren Bildungsniveaus ergibt. Der damit verbundene Zugewinn an Lebensqualität oder auch die Verbesserung der Gesundheit lassen sich nicht monetär darstellen.

4. Der Individualeffekt umfasst die (nicht-monetären) Nutzeneffekte aufgrund einer Teilnahme an Bildungsberatung, wie z.B. die Verbesserung von Arbeitszufriedenheit, Lern- und Arbeitsmotivation, Selbstwertgefühl oder auch eine bessere Entscheidungsfähigkeit. Dieser Effekt lässt sich durch die kontinuierliche Befragung der Ratsuchenden der Dresdner Bildungsberatung teilweise abbilden. Eine monetäre Bewertung des Individualeffektes ist jedoch nicht möglich.

Die Berechnung des Nutzens von Bildungsberatung beschränkt sich demnach auf die Darstellung des Erwerbs- und des Einspareffektes. Beide Effekte lassen sich monetär abbilden und die benötigten Daten stehen zur Verfügung. Der nicht-monetäre Nutzen des Individualeffektes kann dargestellt werden, ohne jedoch direkt in die Kosten-Nutzen-Modellierung einzugehen.

Die Bildungsberatung erzielt dann ein positives Ergebnis, wenn der Gesamtnutzen der Bildungsberatung für alle Individuen höher ist als die Gesamtkosten. Der Gesamtnutzen ist auch abhängig von der Anzahl der Teilnehmer an Bildungsberatung. Je mehr Ratsuchende das Angebot nutzen, desto höher ist (bei positivem individuellem Nutzen der Teilnehmer) auch der Gesamtnutzen. Die Kosten-Nutzen-Bilanz hängt auch vom Zeitpunkt der Betrachtung ab. Bei einer kurzfristigen Betrachtung fallen die einmaligen Investitionskosten für den Aufbau der Bildungsberatung besonders stark ins Gewicht. Relativ konstant bleiben die laufenden Ausgaben für Personal, Miete, Marketing und Overheadkosten. Je länger demnach das Angebot existiert, desto rentabler könnte es werden. Darüber hinaus sollten kurz- und langfristige Effekte identifiziert werden, weshalb die Autoren der Vorstudie empfehlen, in der Berechnung einen Zeitraum von zwölf Monaten zu berücksichtigen.

Datenquellen und Berechnungen: Ein Blick in die Zukunft

Als Datenquelle für die Nutzenberechnungen wurde der Datensatz der Integrierten Erwerbsbiographien (IEB) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) identifiziert. Er umfasst die Beschäftigtenhistorik, die Leistungsempfängerhistorik, die Maßnahmeteilnahmehistorik sowie die Arbeitssuchendenhistorik (Vgl.: doku.iab.de/fdz/reporte/2007/DR_01-07.pdf). Damit lassen sich individuelle Erwerbsverläufe, so auch die der Ratsuchenden der Dresdner Bildungsberatung, vor und nach der Inanspruchnahme von Bildungsberatung, nachvollziehen. Mittels eines sogenannten „statistischen Matchings“ lässt sich für jeden Ratsuchenden ein „statistischer Zwilling“ mit ähnlichen Merkmalen identifizieren, wodurch sich eine Referenzgruppe (die keine Bildungsberatung in Anspruch genommen hat) bilden lässt. Um die Ergebnisse nicht durch äußere Faktoren zu verfälschen, sollten regionale Effekte (Arbeitslosenquoten, freie Stellen) wie auch unterschiedliche Bildungsniveaus aus den Daten der Bundesagentur für Arbeit einbezogen werden.

Angesichts der Tatsache, dass die zu nutzenden Daten einem strengen Datenschutzkonzept unterliegen, wird empfohlen, die Analyse direkt vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit durchführen zu lassen.

Eine monetär darstellbare Kosten-Nutzen-Analyse von Bildungsberatung ist mit den dargestellten Einschränkungen also prinzipiell möglich. Das gilt unter der Voraussetzung, dass entsprechende personelle Ressourcen im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit vertraglich gebunden werden können. Seitens der Landeshauptstadt Dresden sind mit Unterstützung der Bundesinitiative „Lernen vor Ort“ dafür die materiellen Voraussetzungen gegeben. Geplant ist, die Ergebnisse der Berechnungen und damit konkrete Aussagen zum Gesamtnutzen der Bildungsberatung der „Dresdner Bildungsbahnen“ im Frühjahr 2014 zur Verfügung zu haben.

Damit läge für Deutschland eine erste Kosten-Nutzen-Analyse für Bildungsberatung vor. Sie möge methodische und politische Diskussionen anregen und - vorausgesetzt, die Qualität der Ergebnisse lässt eine solche Schlussfolgerung zu - die Bildungsberatung im Spektrum kommunaler Dienstleistungen verankern.

Holger Kehler, Sebastian Merle und Arlette du Vinage,
Landeshauptstadt Dresden, Bildungsbüro


Literatur: Albrecht, M.; Geerdes, S.-I.; Sander, M. (2012): Kosten-Nutzen-Modellierung Bildungsberatung. Vorstudie. Bericht im Auftrag der Volkshochschule Dresden e.V. IGES Institut GmbH

Kontakt: Holger Kehler, Landeshauptstadt Dresden, Geschäftsbereich Soziales, Bildungsbüro "Dresdner Bildungsbahnen", Postfach 120020, 01001 Dresden, hkehler@dresden.de, www.bildung.dresden.de

______________________________________

Beitrag erschienen im nfb-Newsletter 02/ September 2013

Ergebnisse der Studie

Weyh, A.; Schanne, N. (2014): Wirksamkeitsbetrachtung der Bildungsberatung der "Dresdner Bildungsbahnen". Eine quantitative Studie im Auftrag der Landeshauptstadt Dresden. IAB Sachen, IAB Hessen.

Download hier