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Regulative Beratung: Beratung für oder nach Weiterbildungsentscheidungen?

2013-04 -

Bildungs- oder Qualifizierungsschecks und dazu vorgeschaltete Beratung sind in den letzten Jahren zunehmend genutzte Instrumente im Orchester der Förderinstrumente in Deutschland und Europa (s. Dohmen/Ramirez-Rodriguez 2010, Haberzeth u.a. 2012, Käpplinger/Klein 2013). Auf Bundesebene kommen die Bildungsprämie oder der Bildungsgutschein der BA zu den Gutscheinmodellen hinzu (Görlitz/Tamm 2012). Der Begriff Gutscheinmodell bezeichnet eine Finanzierung, bei der Nachfrager von Bildung einen Coupon bekommen, mit dem sie bei selbst ausgewählten Weiterbildungseinrichtungen einen Kurs (teil-)finanzieren können. In der Regel sind Nachfrager Beschäftigte, wobei es auch Gutscheinsysteme gibt, die von Betrieben genutzt werden können. Wer anspruchsberechtigt ist und für welche Kurse die Gutscheine eingelöst werden können, definieren die staatlichen Finanzgeber über Förderbestimmungen. In Deutschland gibt es aktuell mindestens zwölf Gutscheine bzw. Quasi-Gutscheine. (z. B. Bildungsscheck NRW, Qualifizierungsscheck in Hessen). Quasi-Gutscheine unterscheiden sich von klassischen Gutscheinmodellen dadurch, dass das Individuum Weiterbildungskosten verauslagen muss und später rückerstattet bekommt (z.B. Sächsischer Bildungsscheck, Bildungsscheck Brandenburg). Diese Gutscheine basieren auf Länderebene oft auf einer Ko-Finanzierung von ESF und privaten Eigenmitteln, was für Länderverantwortliche die Attraktivität dieser Finanzierung erhöht. Im Idealfall wird die europäische Ko-Finanzierung mit den Eigenanteilen von Individuen und Betrieben fast kostenneutral für den Landeshaushalt abgerufen.

Im Zuge solcher Gutscheinsysteme ist Beratung in der Regel als Unterstützungs- oder auch Pflichtstation eingebaut. Das heißt, dass Nachfrager die Gutscheine im Zuge oder als Ergebnis einer Beratung erhalten. In der Beratung soll vom Beratenden geprüft werden, ob die formalen Voraussetzungen (z.B. bestimmte Einkommenshöhe, Qualifikationsniveau) erfüllt sind, es sollen die Qualifizierungsinhalte/-ziele geklärt werden sowie der Bildungsgutschein selbst - oftmals mit drei Anbietern/Themen zur Auswahl - ausgestellt werden. Details dieses Beratungsauftrags differieren je nach Förderprogramm, aber im Kern skizziert dies den multiplen Beratungsauftrag, den ich wie folgt als „regulative Beratung“ definiere: „Eine Pflichtberatung für Individuen oder Betriebe als Voraussetzung zur freiwilligen Nutzung einer Förderung. Die Berater haben sowohl Aufgaben der Begutachtung als auch Information oder Beratung innerhalb des Rahmens eines Förderprogramms und politisch definierter Ziele. Beratung ist als ein Transmissionsriemen für das reibungslose Funktionieren des Programms gedacht.“

Im Zuge von zwei Projekten1  - z.T. im Schnittbereich von Forschung/Politikberatung – wurden Bedeutung und Effekte solcher regulativen Beratungsformen in verschiedenen Länderkontexten untersucht. Einige Kernergebnisse lassen sich wie folgt kurz skizzieren (s. für Details u.a. Käpplinger/Klein 2013):

  • Europaweit ist in einer Vielzahl an Förderprogrammen eine Form der regulativen Beratung zu beobachten. Beratung dient oft dazu, arbeitspolitische Anliegen den Beschäftigten oder Betrieben nahezubringen. Demografie-, Innovations- oder Flexibilitätsberatung sind u.a. in diesem Kontext typische Beratungsformate.
  • Beratung hat stellenweise einen edukativen oder auch begutachtenden Charakter in einem steuerungspolitischen Kontext. Die Beratungsinitiative geht strukturell nicht vom Individuum oder Betrieb aus.
  • Beratung hat stellenweise eine „Apotheken-funktion“, was für eine Teilgruppe von Betrieben als Gutscheinnutzer gilt. Diese Betriebe wissen, welcher Mitarbeiter an welcher Weiterbildung teilnehmen soll. Die Gutscheine werden in Beratungsstellen so wie ein „Rezept“ abgeholt, nachdem die Entscheidung für das „Medikament“ schon vorher im Betrieb gefallen ist. Allenfalls Informationsfragen oder Fragen zum Antrags-/ Abrechnungs-verfahren werden noch geklärt.
  • In einem Gutscheinprogramm sagten einerseits 43% der individuellen Nutzenderinnen und Nutzer, dass sie eigentlich keine Beratung benötigen. Andererseits wollen 48% über konkrete Kursangebote informiert und/oder 45% wollen mehr über ihre beruflichen Perspektiven erfahren. Regulative Beratung ist mit Nutzerperspektiven konfrontiert, die einerseits keinen Beratungsbedarf sehen und andererseits Beratungsbedürfnisse von Information bis zu eingehender Berufswegeplanung äußern. In NRW wurde - um solche tiefergehenden Beratungsanliegen zu befriedigen - das Förderinstrument „Beratung zur beruflichen Entwicklung“ ergänzend im Winter 2012 eingeführt. Brandenburg hat die Beratungspflicht beim Bildungsscheck abgeschafft und ein Online-Melde-/Prüfverfahren eingeführt.
  • Es gibt eine Reihe von Stellschrauben (monetäre, nachfrage-/angebots-/beratungsbezogene), welche die Umsetzung und die Wirkung der Gutscheinprogramme maßgeblich beeinflussen. Aufsuchende Beratung wird in diesem Kontext als zusätzliches Beratungsformat diskutiert, um der zumeist relativ geringen Nutzung von Gutscheinen durch Geringqualifizierte proaktiv entgegenzuwirken. Eine relativ zielgruppenoffene Definition der Gutscheinberechtigten könnte des Weiteren möglichen Stigmatisierungseffekten vorbeugen.
  • Beratungsstellen haben im Zuge der Gutscheinprogramme eine institutionelle Aufwertung erfahren, was von Programmverantwortlichen so nicht zwingend intendiert war. Auch hier gilt: „Beratung braucht Politik“ (Völzke 2009, S. 53-54). Stellenweise ist das Beratungsangebot transparenter und abgesicherter geworden (Internetportale zu Beratungsstellen/-angeboten, Finanzierung für die Gutscheinberatung). Es werden Beraterschulungen angeboten und Beratung als Instrument der Qualitätssicherung begriffen. Nachwirkungen des englischen Skandals zu den Individual Learning Accounts (ILA), wo Gutscheine ohne weitere Prüfung abgegeben wurden und so krimineller Missbrauch in Höhe von ca. 97 Mio. £ entstand, bilden einen Hintergrund, dem die regulative Beratung erfolgreich entgegenwirkt.

Fazit:

Regulative Beratung ist ein Beratungsformat, das sich europaweit verbreitet hat, auch wenn es klassischen Beratungstheorien/-ansätzen folgend nicht unbedingt als Beratung verstanden werden muss. Es stellt sich die Herausforderung, Beratungsformen stärker entsprechend den Beratungsbedürfnissen zu differenzieren. Manche Nutzenden reklamieren keine Beratung, manche wollen Informationen und manche brauchen vertiefende biographische Beratung. Erste Ansätze der Differenzierung von Beratungsangeboten in der gutscheingeförderten Weiterbildung werden von Politik und Praxis bereits umgesetzt. Wie Verläufe von regulativen Beratungsprozessen realiter verlaufen, ist ein Forschungsdesiderat.

Literatur:

Dohmen, D./Ramirez-Rodriguez, R. (2010): Aktuelle Trends der nachfrageorientierten Weiterbildungsfinanzierung in Europa. Berlin
Görlitz, K./Tamm, M. (2012): Mobilisierung von Erwerbstätigen zur Teilnahme an beruflicher Weiterbildung durch die Bildungsprämie. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, H. 1, S. 27-30
Haberzeth, E./Kulmus, C./Stanik, M. (2012): Bildungsgutscheine für Beschäftigte und Betriebe. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, H. 1, S. 31-34
Käpplinger, B./Klein, R. (Hrsg.) (2013, im Erscheinen): Nachfrageförderung und ihre Effekte in der Weiterbildung im Spiegel von Wirkungsforschungen in vier Ländern. Bielefeld
Völzke, R. (2009): Durchlässigkeit braucht Beratung. In: Hessische Blätter für Volksbildung, H. 1, S. 49-55.

Prof. Dr. Bernd Käpplinger,
Humboldt Universität zu Berlin

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1 „Effekte von nationalen Förderprogrammen der beruflichen Weiterbildung für Unternehmen und Beschäftigte im deutschsprachigen Raum“ wurde vom 1/2011 bis 5/2013 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unter dem FKZ W1366 gefördert. „Qua-Beratung – Zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit von KMU und ihren Beschäftigten – Europäischer Austausch und Vergleich“ wurde vom 1/2011 bis 8/2012 vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW mit Landes- und ESF-Mitteln finanziert. Beide europäischen Projekte wurden vom bbb Büro für berufliche Bildungsplanung Dortmund und der HU Berlin realisiert.