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Wirksamkeitsbetrachtung von Bildungsberatung in den „Dresdner Bildungsbahnen“

2014 -

Norbert Schanne und Dr. Antje Weyh, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in der Regionaldirektion Sachsen

„Die Bildungsberatung erzielt dann ein positives Ergebnis, wenn der Gesamtnutzen der Bildungsberatung für alle Individuen höher ist als die Gesamtkosten.“ (Kehler, Merle, du Vinage 2013). In dem Sinne wurde im Frühjahr dieses Jahres erstmalig eine quantitative Wirkungsanalyse zur Bildungsberatung der „Dresdner Bildungsbahnen“ durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vorgestellt (vgl. Schanne/Weyh 2014). Die aus der kurzfristigen Wirksamkeit abgeleitete Kosten-Nutzen-Betrachtung kann aber nur als sehr vorläufig betrachtet werden, da Bildungsentscheidungen Erträge über einen wesentlich längeren als den in der Analyse herangezogenen Zeitraum erbringen.

Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass der Arbeitsmarkterfolg einer Person entscheidend vom erreichten Qualifikationsniveau/ Ausbildungsniveau abhängt. Weber und Weber (2013) beispielsweise zeigen in ihren Analysen, dass je höher das Bildungsniveau einer Person ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu sein und desto höher ist die Beschäftigungsstabilität. Auch mit Blick auf das Einkommen lohnt sich Bildung (vgl. Schmillen/Stüber 2014). Bildungsberatung, die einer anschließenden Aus- oder Weiterbildung vorgeschaltet ist, kann Transparenz über verschiedene Bildungskarrieren schaffen, über Finanzierungsmöglichkeiten aufklären und zu Aus- und Weiterbildung motivieren. Sie sollte zu einer besseren Auswahl bei Bildungsentscheidungen führen in dem Sinne, dass die Bildungsschritte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit abgeschlossen werden und einen optimalen Ertrag bringen. Welche Rolle dabei eine Bildungsberatung tatsächlich spielt und welcher Effekt auf den Arbeitsmarkterfolg mit ihr einhergeht, wurde bisher allerdings noch nicht untersucht. Ein Grund dafür liegt sicherlich auch in der Verfügbarkeit geeigneter Analysedaten.

Durch die Zusammenführung der Daten des Dokumentations- und Auswertungssystems des KES-Verbundes mit den Daten der Integrierten Erwerbsbiografien (IEB) des IAB konnte erstmalig eine solche Analyse erfolgen. Das Vorgehen orientierte sich dabei an einem typischen Evaluationsdesign wie es beispielsweise in der Wirkungsforschung zu arbeitsmarktpolitischen Programmen Anwendung findet: Für die Teilnehmer der „Dresdner Bildungsbahnen“ werden als Kontrollgruppe sog. „Statistische Zwillinge“ gesucht, die sich im besten Fall nur von den Teilnehmern durch ihre Nichtteilnahme an der Bildungsberatung unterscheiden, ansonsten in allen anderen Merkmalen möglichst ähnlich sind. Für die Wirksamkeitsbetrachtung der „Dresdner Bildungsbahnen“ wurden die „Statistischen Zwillinge“ aus allen Personen ermittelt, die von April 2010 bis Dezember 2011 in der Stadt Dresden ihren Wohnsitz hatten. Mit den Daten der IEB ist es möglich, den Erwerbsverlauf der Teilnehmer und ihrer „Statistischen Zwillinge“ sowohl im Vorfeld der Bildungsberatung, aber auch im Nachgang, derzeit bis zum 31.12.2012 nachzuverfolgen. Mit Hilfe des Statistischen Matchings wurde der Erfolg der Bildungsberatung mit Blick auf die Zielgrößen „Zusätzliche Tage in Beschäftigung“, „Zusätzliche Tage in Arbeitslosigkeit“, „Zusätzliche Tage in Leistungsbezug“, „Höhe des erzielten Einkommens“ und die „Wahrscheinlichkeit für die Teilnahme an einer Weiterbildung“ ermittelt. Da die Zielgrößen abhängig vom zum Beratungsbeginn bestehenden Arbeitsmarktstatus sind, wurden die Analysen getrennt für Beschäftigte und Nichtbeschäftigte durchgeführt.

Wer nimmt Bildungsberatung wahr? Zumindest für die Teilnehmer/innen an den „Dresdner Bildungsbahnen“ kann gezeigt werden, dass diese häufiger als die „Durchschnittsdresdner“ arbeitslos und/oder im Leistungsbezug sind. Ihre Einkommen sind unterdurchschnittlich. Außerdem zeigt sich, dass sie häufig instabile Beschäftigungsverläufe haben. Die Teilnehmer/innen waren bis zum Beratungszeitpunkt überproportional häufig bei mehr als einem Arbeitgeber tätig und haben auch häufiger mehrere Berufe ausgeübt. Mit Blick auf die soziodemografischen Merkmale ist festzustellen, dass die Teilnehmer/innen meist weiblichen Geschlechts, im Alter von 25 bis 39 Jahren und gut gebildet sind. Sie sind seltener als die „Durchschnittsdresdner“ ohne Berufsausbildung. Um einen kausalen Effekt zu bestimmen, gilt es für diese Merkmale zu kontrollieren und diese „Besonderheiten“ durch das Finden des „Statistischen Zwillings“ auszuschließen.

Die Ergebnisse der Wirksamkeitsbetrachtungen scheinen zunächst ernüchternd. In den meisten Fällen konnte kein statistisch signifikant positiver Effekt der Bildungsberatung ermittelt werden. Teilweise wurden sogar negativ signifikante Effekte erzielt. Beispielsweise verbrachten Beratungsteilnehmer/innen, die  zum Beratungszeitpunkt nicht-beschäftigt waren, bis zum achten Monat nach der Beratung signifikant mehr Tage in Arbeitslosigkeit als Nicht-Teilnehmer/innen.

In der IAB-Studie wurde neben den „harten“ Arbeitsmarktfakten auch das eigentliche Ziel der Bil-dungsberatung, nämlich die Aufnahme eine geeigneten Aus- oder Weiterbildung, analysiert. Abbildbar mit den IEB-Daten sind dabei allerdings nur geförderte Weiterbildungsmaßnahmen, die z.B. von der Bundesagentur für Arbeit getragen werden. Das bedeutet für die Zielgröße „Wahrscheinlichkeit für eine Teilnahme an einer Weiterbildung“, dass ein dort ermittelter Effekt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unterschätzt ist. Tatsächlich zeigt sich für diese Zielgröße ein statistisch signifikant positiver Effekt bis zum 20. Monat nach Beratungsbeginn. So haben Beratungsteilnehmer/innen ein halbes Jahr nach Beratungsbeginn eine um 8% höhere Wahrscheinlichkeit an einer geförderten Weiterbildung teilzunehmen als die Nichtteilnehmer/innen (vgl. Abb. 1).

Abbildung 1
Abbildung 1: Quelle: KES-Daten, IEB Daten, eigene Berechnung und Darstellung

Und genau dieser Effekt erklärt auch, warum die anderen Zielgrößen in der Regel keine statistisch signifikanten Ergebnisse aufweisen. Die Beratungsteilnehmer nehmen an einer Aus- oder Weiterbildung teil und reduzieren ihre Suchanstrengungen mit Blick z.B. auf eine neue Stelle. In der Literatur wird dieses Phänomen auch als Lock-In-Effekt bezeichnet, der typischerweise bei arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen auftritt. Hier besteht der Unterschied allerdings darin, dass nicht die Weiterbildungsberatung selbst ein Lock-In hat, sondern die nachfolgende Bildungsmaßnahme. Für zum Beratungszeitpunkt Beschäftigte zeigten sich ähnliche Ergebnisse.

Zusammenfassend stellte die IAB-Studie zur Wirksamkeit der „Dresdner Bildungsberatung“ fest, dass das grundlegende Ziel, nämlich die Aufnahme einer Bildungsmaßnahme, erreicht wurde. Um die weiteren Arbeitsmarkteffekte zu ermitteln, war der Betrachtungszeitraum nach der Beratung viel zu kurz. Es ist daher wünschenswert, eine solche Analyse mit einem längeren Nachlauf von z.B. fünf Jahren nach der Beratung nochmals durchzuführen: Die tatsächliche Höhe möglicher Auszahlungen dürfte sich dann deutlich besser abschätzen lassen als zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Bildungsmaßnahmen noch nicht abgeschlossen sind. Für eine umfassende Kosten-Nutzen-Betrachtung, die über einen Kosten-Erlös-Vergleich hinausgeht, wäre es zudem notwendig auch „weiche“ Faktoren wie etwa eine Veränderung der Lebenszufriedenheit zu betrachten, die nach Käpplinger (2014) ebenfalls als Erfolg für die Teilnehmer zu werten sind.

Literatur

Käpplinger, Bernd (2014): Das Messbare und das Nichtmessbare messen – Zugänge zu Wirkungsanalysen in der Bildungsberatung, Vortrag im Rahmen des Expertenforums der „Dresdner Bildungsbahnen“: Wir wirkt Bildungsberatung?, 23.06.2014 in Dresden.
Kehler, Holger; Merle, Sebastian und du Vinage, Arlette (2013): Thema: Wirkungen von Beratung erfassen, Bildungsberatung – Kostenfalle für Kommunen oder Investition in die Zukunft? Newsletter 2/ September 2013, Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung.
Schanne, Norbert und Weyh, Antje (2014): Wirksamkeitsbetrachtung der Bildungsberatung der „Dresdner Bildungsbahnen“: Eine quantitative Studie. IAB-Projektbericht 1553, IAB, Nürnberg.
Schmillen, Achim und Stüber, Heiko (2014): Bildung lohnt sich ein Leben lang – Lebensverdienste nach Qualifikation. IAB-Kurzbericht 1/2014, IAB, Nürnberg.
Weber, Brigitte und Weber, Enzo (2013): Qualifikation und Arbeitsmarkt – Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. IAB-Kurzbericht 4/2013, IAB, Nürnberg.

Erschienen im nfb-Newsletter 02/ 2014