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Identifizierung und Beratung von Jugendlichen mit hohen Ausbildungsabbruchrisiken - Qualifizierung des Berufsbildungspersonals

2012

Praelab - Ein EU-Projekt zur Identifizierung von überfachlichen Kompetenzen, Abbruchrisiken und Abbruchgründe bei Jugendlichen in der Ausbildung.

Seit Jahren ist die Abbrecherquote in der Berufsausbildung in Europa konstant auf einem nicht akzeptablen Niveau. Dies betrifft sowohl Länder mit dualem als auch mit vornehmlich schulischem Berufsausbildungssystem. Von den beteiligten Akteuren im Berufsausbildungs- und Berufsberatungssystem wird beklagt, dass sie nur mangelhaft untereinander vernetzt und Instrumente und Methoden unzureichend vorhanden sind, wie Jugendliche mit einem Abbruchrisiko identifiziert und beraten werden können. Außerdem wird nicht selten versucht, aus den nach einem vollzogenen Ausbildungsabbruch angegebenen Gründen (auf individueller, betrieblicher oder berufsschulischer Ebene) unmittelbar Aktionen abzuleiten, wobei präventive und kurative Zielsetzungen im Sinne der Optimierung nicht immer fachlich sauber unterschieden werden.

Wie die Ergebnisse einschlägiger empirischer Untersuchungen zeigen, lässt sich der Ausbildungsabbruch nur multifaktoriell interpretieren, woraus folgt, dass eine wirksame Prävention keinesfalls aus der Sicht nur eines bestimmten Ansatzes erfolgen kann. Wohl aber gilt, dass ohne die Interpretation der Abbruchsgründe auf der Basis anerkannter Theorien beruflichen Verhaltens die vielfältigen Initiativen und Programme zur Berufsorientierung, zum Übergangsmanagement und zur individuellen Begleitung - etwa im Sinne der BMBF-Initiative "Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss" - sich nicht optimieren lassen.

Eine Dropout-Quote von unter 10% belegt allerdings für die Schweiz, dass eine fundierte Aus- und Weiterbildung des Berufsbildungs- und Beratungspersonals in den Thematiken „Instrumente zur Erhebung von überfachlichen Kompetenzen, Abbruchrisiken und Abbruchgründe“ und „Methoden zur Beratung von Jugendlichen und regionale Hilfsangebote“ eine Basis darstellen kann, um Ausbildungsabbrüchen präventiv zu begegnen.

Das Projekt praelab - Ziele

Das von der Europäischen Union geförderte Projekt praelab (Praevention von Lehrabbrüchen) hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, das innovative Schweizer Schulungskonzept in die Projektpartnerländer Deutschland, Italien, Luxemburg, Österreich und Polen zu transferieren. Die Adaption beinhaltet das Instrument zur Erhebung und Rückmeldung überfachlicher Kompetenzen, Abbruchrisiken und Abbruchgründe (smK72+) und eines in Deutschland entwickelten Beratungsansatzes zur Prävention von Ausbildungsabbrüchen in der Berufsausbildung (Details siehe unter www.praelab.eu).  Des Weiteren wurden wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen einer Region mit der spezifischen Arbeitsmarktsituation und Abbruchquote verschiedener Berufe in der Schulungsmaßnahme berücksichtigt. Ein besonderes Augenmerk wurde auf Berufe im Schwerpunkt KMU gelegt. Das Projekt setzt insgesamt vier Schwerpunkte:
1)    Verbesserung der Kooperation zwischen den an der Berufsausbildung beteiligten Ausbildern, Lehrkräften, Berufsberatern, Sozialpädagogen und Fallmanagern;
2)    Bereitstellung eines erprobten Instruments zur Erhebung von überfachlichen Kompetenzen, latenten und akuten Abbruchrisiken und Abbruchgründen;
3)  Implementierung einer Methode zur holistischen Beratung dieser Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung eines Migrationshintergrunds und von Genderaspekten;
4)   Entwicklung und Akkreditierung der Schulungsmaßnahme zur Qualifizierung des Berufsbildungs- und Beratungspersonals im Umgang mit den unter 2) und 3) genannten Instrumenten.

Umsetzung des EU-Projekts

Das Projekt praelab hat eine Laufzeit von zwei Jahren (Oktober 2010 bis September 2012). In Deutschland wurden bis Juli 2011 die Schulungsmaßnahme modifiziert und die Instrumente den regionalen Rahmenbedingungen angepasst. Das Resultat ist ein Modul mit 25 Stunden Präsenz an drei Schulungstagen, 75 Stunden Lern-, Entwicklungs- und Umsetzungsphasen sowie 25 Stunden Qualifikationsverfahren (insgesamt 125 Lernstunden = 5 ECTS). Im Kern besteht das Modul darin, dass die Teilnehmer überfachliche Kompetenzen, Abbruchrisiken und Abbruchgründe erfassen und analysieren sowie Beratungssequenzen planen, durchführen und evaluieren können. Die Kurstage sollen die kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen und praktischen Themen (Kompetenzen, Abbrüche, Datenerfassung, Interpretation und Bewertung, Beratung, Förderung, Prävention) in einem Netzwerk fördern und fordern. Durch den Wechsel von Präsenzphasen und Praxisphasen soll der Transfer aus der Theorie in die Praxis und von der Praxis in die Theorie unterstützt werden.

Seit Oktober 2011 wurden 52 Lehrpersonen, Berufsberater, Fallmanager und Sozialarbeiter am Online-Tool zur Erhebung und Identifikation von überfachlichen Kompetenzen, Abbruchrisiken und Abbruchgründe sowie in Beratungsansätze zur Prävention von Abbrüchen in enger Kooperation mit der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland der Bundesagentur für Arbeit geschult und betreut. Dieser Personenkreis hat über 2.500 Jugendliche begleitet, von denen ca. 15% von einem akuten und ca. 20% von einem latenten Abbruchrisiko bedroht waren. Als potenzielle Abbruchgründe wurden am häufigsten Konflikte mit dem Ausbilder, Konflikte mit Kollegen, schlechte Arbeitszeiten und falsche Berufswahl von den Jugendlichen genannt. Die Hilfestellungen durch die Fachpersonen erstreckten sich über „Gespräche führen mit dem Ausbilder“ bis zur „Suche eines Ausbildungsplatzes in Teilzeit“ für eine junge alleinerziehende Mutter.

Das LdV-Projekt praelab will einen Beitrag leisten zu einer fachlich fundierten Abbruchsprävention im Sinne professioneller Bildungs- und Berufsberatung. Dazu tragen nicht nur das nach wissenschaftlichen Kriterien konstruierte und evaluierte Instrument smK72+ bei, sondern auch die Umsetzung der Ergebnisse auf der Basis anerkannter Theorien der Berufsentwicklung und Beratung.

Die angestrebte Nachhaltigkeit des Projekts bezieht sich daher ebenso auf die Bildungs- und Berufsberatungsforschung. So gilt es, die bisherige starke Betonung der individuellen Interessen bei der Berufswahl, wie sie in einer Reihe von Berufsberatungsansätzen zu beobachten ist, zu relativieren. Denn immer wieder wird in Untersuchungen konstatiert, dass ein Teil der jungen Menschen mit falschen Erwartungen in die Berufsausbildung eintritt und sie dann enttäuscht abbricht.

Der Beratungs- und Berufsforschung stellt sich hier die Aufgabe, die Zusammenhänge zwischen selbsteingeschätzten Interessen und Kompetenzen sowie Wahrnehmung der Ausbildungsberufe beim individuellen Entscheidungsverhalten zu untersuchen. Dies könnte zu einer innovativen Weiterentwicklung der Instrumente der Berufsorientierung, Berufsberatung und Vermittlung beitragen, besonders wenn noch die Einstellungsverfahren der ausbildenden Betriebe einbezogen werden.

Koordinierung des Projekts

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass das Projekt praelab auch ein Plädoyer für die weitere Professionalisierung der Bildungs- und Berufsberatung darstellt. Nicht zuletzt deshalb wird es durch die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (www.HdBA.de) koordiniert und wissenschaftlich betreut. So können die Ergebnisse direkt in den Studiengang "Beschäftigungsorientierte Beratung und Fallmanagement" einfließen. Begleitet wird das Projekt durch die Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland der Bundesagentur für Arbeit. Finanziert und gefördert wird praelab durch die Europäische Union über das Programm Leonardo da Vinci.

Die Schulungsmaßnahme wird nach Abschluss des Projekts online in fünf Sprachen für Weiterbildungsanbieter zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt und Prof. Dr. Andreas Frey,
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

praelab - Prävention von Lehrabbrüchen

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