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Beratung als Aufgabe von Lehrkräften in Schulen und in der Weiterbildung

Dezember 2012 -

Das Thema Beratung verdient seitens der Lehrkräfte in den allgemein bildenden Schulen, in der beruflichen  Bildung und der Weiterbildung große Aufmerksamkeit. Die GEW, Bereich Berufliche Bildung und Weiterbildung beim Hauptvorstand,  hat dazu 2010 ein EU-Projekt mit europäischen gewerkschaftlichen  Partnern aus Österreich und Polen mit Erfolg beantragt: „Guidance Dialogue – bessere Chancen in Bildung und Beruf durch Beratung“, das auch vom nfb unterstützt wird. Es wird im Januar 2013 abgeschlossen sein und die Ergebnisse werden in vier Handreichungen veröffentlicht. Wir werden oft gefragt: Was veranlasste Euch, dieses arbeitsintensive  EU- Projekt in Angriff zu nehmen? Ansporn war zweierlei: Zum einen,  Erfahrungen aus der pädagogischen Arbeit in berufsbildenden Schulen, dass Lehrkräfte auch die Aufgabe haben, junge Menschen zu unterstützen und zu beraten. Sie ersetzen keineswegs professionelle Berater. Doch sie stehen häufig in einem engen Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern, der ihnen Einblick in deren manchmal schwierigen Lebensalltag ermöglicht. So habe ich als Berufsschullehrerin oft genug die Suche junger Menschen  nach Orientierung erlebt. Zum anderen gab es einen intensiven Diskussionsprozess mit Kolleginnen und Kollegen aus der Weiterbildung, wie der Zugang zum Lernen als Erwachsene durch ein gut ausgebautes öffentlich verantwortetes System  der Beratung befördert werden kann. Von daher schien es uns ratsam, zum Thema Beratung  einen internationalen Erfahrungsaustausch zu organisieren. Er betraf bisher die Bildung in Schulen und in der Weiterbildung. Beginnen wir mit der Beruflichen Bildung.

Berufliche Bildung soll Bildungswege öffnen!

Sich beruflich weiterzuentwickeln ist auf vielen Wegen möglich. Bisher sind es nur sehr wenige, die nach  Abschluss einer beruflichen Ausbildung ein Studium beginnen, wie das der Beschluss der KMK von 2009 ermöglicht, allerdings erst nach drei Jahren Berufspraxis mit der Einschränkung, in einer dem Beruf affinen Fachrichtung zu studieren. Die GEW will erreichen, dass  ein beruflicher Abschluss genauso viel zählt wie die allgemeine Hochschulreife. Doch alleine die formale Chancengleichheit bewirkt noch lange nicht, dass dieser Weg von Vielen eingeschlagen wird. Neben verbesserten Bildungsangeboten im Verlauf einer beruflichen Ausbildung, zum Beispiel hinsichtlich Sprachkompetenz, ist auch eine intensive Beratung erforderlich, vom Beginn der Ausbildung an. Schon vorher, in den allgemeinbildenden Schulen, sollte eine intensive Beratung und gegebenenfalls individuelle Begleitung der Jugendlichen den Übergang in Ausbildung unterstützen, ebenso anschließend  den Übergang in Arbeit oder Studium. Letztendlich soll Beratung dazu ermutigen, lebensbegleitend zu lernen, vorhandene Möglichkeiten wahrzunehmen und Bildungsansprüche selbstbewusst zu vertreten. So ist die Information wichtig, dass berufsbildende Schulen für viele junge Menschen eine Chance bieten, auch allgemeinbildende Abschlüsse zu erwerben, wofür es Richtlinien der KMK gibt. Mit abgeschlossener Ausbildung kann ein nicht vorhandener Hauptschulabschluss nachgeholt werden. Wer diesen mitbringt  hat die Möglichkeit, durch einen  zusätzlichen Englischkurs von zwei Stunden wöchentlich  über zwei Jahre den Mittleren Bildungsabschluss zu erwerben. Wer den Mittleren Bildungsabschluss schon hat, kann  durch sechsstündige Teilnahme pro Woche an Kursen in Mathematik/Naturwissenschaft, Deutsch und Fremdsprachen die Allgemeine Fachhochschulreife erreichen. Das muss sie oder er zwei Ausbildungsjahre durchhalten. Doch nicht jede und jeder ist so gut beraten worden, dass dieser Weg rechtzeitig  eingeschlagen werden konnte.

Dazu folgender exemplarischer Fall: Johannes hat nach dem Mittleren Bildungsabschluss eine Ausbildung als Kommunikationselektroniker absolviert, mit hervorragendem Abschluss. Zur Zeit besucht er das Hessenkolleg, um das Abitur nachzumachen und dann zu studieren. Ein mühsamer Weg, denn Johannes hat  keine Eltern im Hintergrund, die ihn unterstützen können. Er muss neben dem Hessenkolleg  jobben, damit er Wohnung und Lebensunterhalt bezahlen kann. Leichter wäre es für ihn gewesen, während der Ausbildung die Lernangebote wahrzunehmen, die für die Fachhochschulreife obligatorisch sind. Aber er wusste schlichtweg nicht rechtzeitig davon. Weder im Betrieb noch in der berufsbildenden Schule wurde er zu Beginn der Ausbildung informiert und so beraten, dass er diese Chance hätte nutzen können. Seine Freundin, die ihre berufliche Ausbildung als Bürokauffrau gerade hinter sich hat, erlebte dasselbe.

Auch wenn Beratung zum Aufgabenrepertoire der Lehrkräfte in berufsbildenden Schulen gehört, ist der Stellenwert bisher zu gering. Einen Mangel an Beratung aber nur als Versäumnis der einzelnen Lehrkraft oder der betrieblichen Ausbilder zu sehen,  ist dem Problem nicht angemessen. Eine intensive Beratung und Reflektion der Berufs- und Lebensziele  als obligatorischer Bestandteil von Ausbildung, einschließlich der erforderlichen Zeit dafür, muss nachhaltig strukturell abgesichert werden. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit, Schülerinnen und Schüler gut beraten zu können und dafür auch die Voraussetzungen zu haben. Zu bedenken ist:

Erstens muss Beratung Bestandteil von pädagogischer Aus-  und Weiterbildung sein, sei es Beratung bei Lernproblemen oder Bildungswege-Beratung oder Beratung in schwierigen Lebenssituationen, die zum Abbruch der Ausbildung  führen können. Besonders als Klassenlehrerin/Lehrer wird man angefragt individuell zu beraten. Auch wenn es spezielle Ansprechpersonen, wie Beratungslehrer oder  sozialpädagogische Fachkräfte innerhalb der Schule gibt, müssen diese oft zu viele Schülerinnen und Schüler betreuen und haben zu wenig Zeit für alle Ratsuchenden. Wie hoch der Beratungsbedarf ist, lässt sich ermessen, wenn die hohe Zahl der Ausbildungsabbrüche in der Erstausbildung bedacht wird, um die 25 % aller Auszubildenden.  Die Ursachen sind vielfältig: falsche Berufswahl, Lernprobleme, die zur Resignation führen können,  wenn nicht Unterstützung gewährt wird, gesundheitliche und soziale Probleme, Schwangerschaft bei jungen Frauen, etc. Unbestritten dürfte sein, dass es  allein mit der Übermittlung von Informationen über Bildungsangebote und –wege sowie über Arbeitsmarktchancen nicht getan ist. Wenn die individuellen Lebenslagen, Interessen, Wünsche und Ängste nicht besprochen werden können, eine umfassende Problem-Diagnose unterbleibt,  ist eine gute Beratung nicht zu leisten. Außerdem müssen die kulturellen Prägungen  bedacht werden, die mit der Herkunft aus Migrantenfamilien verbunden sind. Eine subjektbezogene, geschlechts- und kultursensible Beratung braucht weitreichende Kompetenzen.

Zweitens muss die Auseinandersetzung mit der Berufs- und Lebensperspektive  ein integraler Bestandteil von Lernprozessen in berufsbildenden Schulen sein, was über individuelle Beratung hinausweist.  So kann ein Projekt über die Perspektiven nach der Ausbildung eine hohe beraterische Qualität haben. Dass junge Menschen ihre Interessen reflektieren, dass sie etwas  aus ihrem Leben machen wollen  und sich nicht scheuen, dafür Beratung und Unterstützung  in Anspruch zu nehmen, ist ein wichtiges Lernziel. Von der heutigen Generation wird eine große Verunsicherung artikuliert, wie unter anderem in den Shell-Jugendstudien nachzulesen ist. Die Gewissheit, nach der beruflichen Ausbildung ohne große Schwierigkeiten  einen  sicheren Arbeitsplatz zu finden, ist längst vorbei. Berufswechsel sind Normalität geworden; ebenso prekäre Arbeit nach der Ausbildung, wie Praktikantenverträge, befristete Tätigkeit, Arbeiten für  Honorare. Verlangt wird der flexible Mensch. Wie soll das mit anderen Lebenszielen vereinbart werden, wie mit dem kontinuierlichen Zusammenleben mit einem Partner, mit Kinder Großziehen, mit dem Schaffen eines stabilen sozialen Zusammenhalts? Und oft genug sind die so modernen flexiblen Lebensformen mit althergebrachten geschlechtsspezifischen Rollen in der Arbeits- und Lebenswelt verbunden. Diese Widersprüche kritisch zu reflektieren, sich selbstbewusst Perspektiven jenseits traditioneller weiblicher und männlicher Berufskarrieren zu erschließen, sollte in berufsbildenden Schulen gefördert werden

Beratung in diesem Sinne stößt einen Lernprozess an, der für lebensbegleitendes Lernen sehr fruchtbar sein kann und sehr notwendig ist. Wir wissen:  In der Erwachsenenbildung gibt es nach wie vor erhebliche Bildungsbarrieren. Der Schock durch die Hamburger Alpha-Studie, dass in Deutschland 7,5 Millionen Menschen als funktionale Analphabeten gelten können, zeigt den riesigen Nachholbedarf. Wie soll es ohne eine gute und sensible Beratung geschafft werden, Menschen mit mangelnder Grundbildung zu ermutigen, sich weiterzubilden? So war einer der  Schwerpunkte unseres EU-Projekts die Beratung im Betrieb. Eine aktuelle Sache, denn zur Zeit bereitet der DGB im Rahmen der Alphabetisierungsoffensive ein Projekt vor, betriebliche Bildungsberater auszubilden. Eine gute Sache, jedoch nur der sprichwörtliche Tropen auf den heißen Stein; Benötigt wird ein flächendeckendes Beratungssystem als öffentliche unentgeltliche Dienstleistung. 

Dr. Stefanie Odenwald,
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW

(erschienen im Newsletter 03/ Dezember 2012)