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Die Selbstbewusstwerdung der Career Services in Deutschland

2015 -

Der akademische Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt. Aufgrund wachsender Vielfalt an Möglichkeiten von beruflichen Perspektiven nach dem Studium verstärken sich auch die Unsicherheiten und Ängste bei den Studierenden hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft. Ebenso berührt dieses Thema auch Eltern, die sich um das Wohl ihrer Kinder sorgen, als auch Bildungspolitiker, die hinsichtlich sinnvoller Investitionen von Steuergeldern in Bildungsinstitutionen die richtigen Entscheidungen treffen wollen.  

In diesem Wandel der Zeit und durch neu entstandene Herausforderungen bildeten sich in den vergangenen 20 Jahren an vielen deutschen Universitäten und Hochschulen Career Services oder Career Center. Mit ihnen sollte ein Angebot für die Studierenden und Absolventen geschaffen werden, das ihnen den Übergang von Hochschule in den Arbeitsmarkt erleichtert. Wie solch ein Angebot aussehen kann und welche Mittel die jeweilige Hochschule dafür bereitstellt, gestaltet sich derzeit sehr divers.
 
Um den aktuellen Stand der Arbeit, die Arbeitsschwerpunkte, die Verortung sowie die Wahrnehmung der Career Services (CS) an Hochschulen in Deutschland aktuell in ihrer Vielfalt erfassen zu können, wurde im Sommer 2014 vom Dachverband der Career Services in Deutschland (csnd e.V.)  eine umfassende Online-Befragung durchgeführt. Alle auffindbaren Career-Service-Einrichtungen (238 Einrichtungen) wurden hinsichtlich ihrer Ausstattung, Finanzierung, Mitarbeiterzufriedenheit sowie ihres Aufgabenspektrums befragt. Durch die Erhebung wurden weiterhin Meinungen und Prognosen zu zukünftigen Arbeitsinhalten gesammelt.

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht erreichte die Umfrage erfreulicherweise einen sehr hohen Rücklauf von 53%: Bundesweit beteiligten sich 125 CS-Einrichtungen aktiv und gaben mitunter höchst interessante Aussagen zum Arbeitsalltag und Entwicklungstendenzen preis.


Im März 2015 wurde die Studie veröffentlicht und steht den Kollegen/innen in den Career Services sowie der Öffentlichkeit unter www.csnd.de/befragung zur Verfügung.

Wer die Ergebnisse der Umfrage studiert, kann viele Überraschungen finden. Beispielsweise benennen die Career Services als drei ihrer wesentlichen Zielgruppen neben den Studierenden im Allgemeinen: ausländische Studierende bzw. ausländische Absolventen, Frauen sowie Studienabbrecher im Spezifischen. Bei aller Zielgruppenorientierung und dem Wunsch der Career-Service-Mitarbeitenden, ihre Studierenden genau da abzuholen, wo sie stehen, darf allerdings auch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Möglichkeiten der CS-Einrichtungen meist von den finanziellen Mitteln begrenzt werden.

Career Services sind tendenziell unterfinanziert ausgestattet und versuchen dieses Manko auszugleichen, indem sie zusätzliche Projektgelder über öffentlichen Ausschreibungen einwerben. Im letzten Jahrzehnt wurde beispielsweise viel in Frauenförderung investiert, dagegen laufen aktuell vermehrt öffentliche Ausschreibungen, um Ideen und Konzepte für Maßnahmen zu entwickeln, die internationalen Studierenden oder Studienabbrechern zu Gute kommen sollen. Dies birgt die Gefahr für Career Services, im Zwang der Fördergeldeinwerbung ihr Fähnchen nach dem Wind der Politik drehen zu müssen. Die eigene Profilschärfung kann dadurch ins Hintertreffen geraten.

Ein anderes Beispiel aus der Umfrage, dessen Ergebnis für Außenstehende überraschend erscheinen mag: Bei 68,5% der Career Services können Studierende keine ECTS-Punkte für die jeweiligen Trainings und Seminare, Coachings oder Beratungen erwerben. Bedeutet dieses Ergebnis, dass eine Integration der Career-Service-Angebote ins Curriculum der Studierenden noch nicht gelungen ist? Oder ist diese vielleicht gar nicht erwünscht? Um stichhaltige Antworten darauf zu erhalten, müsste weiter nachgefragt und erforscht werden, warum so viele Einrichtungen keine ECTS-Punkte vergeben. Zudem stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen die Vergabe von Leistungspunkten für die jeweilige Hochschule und für die Studierenden im Kontext der Career-Service-Arbeit überhaupt Sinn machen.

Als wesentliche Projekte in naher Zukunft sehen die Mitarbeitenden der Career Services unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen beispielsweise die Erweiterung und Präzisierung ihres Angebotsportfolios und den Aufbau von Datenbanken, die als Jobportal von Studierenden und Arbeitgebern gleichermaßen genutzt werden. Die Integration ihrer fachlichen Kompetenz und ihres Habitus als Coachs und Beratende innerhalb der Studiengänge ist zwar erwünscht, doch scheinen hierzu weniger strukturelle Voraussetzungen innerhalb der Hochschule und in den entsprechenden Ländervorgaben gegeben zu sein, um diese auch umzusetzen. Dies signalisiert auch an dieser Stelle die Chance, bislang nicht integrierte Arbeitsfelder zu erschließen und mit innovativen Ansätzen zu bearbeiten. Dabei können Career Service in Kooperation und Vernetzung mit ihren Stakeholdern Pionierarbeit leisten.

Die Umfrage hält quantitative wie qualitative Aussagen bereit, die viel Stoff für weitere Forschungsfragen liefern. Sie können als Chancen für Weiterentwicklungsmöglichkeiten verstanden werden, beinhalten aber gleichzeitig das Risiko, missinterpretiert zu werden, woraus voreilige Schlüsse gezogen werden könnten. Deshalb empfiehlt sich, die durch die Umfrage erhobenen Ergebnisse von den jeweiligen Akteuren in den Career Services mit ihren Stakeholdern innerhalb und außerhalb der Hochschulen im Dialog zu diskutieren, um für sich jeweils individuell sinnvolle und lokal realisierbare Handlungsmaßnahmen abzuleiten.

Es ist vorgesehen, die Umfrage unter den Career Services alle fünf Jahre von Seiten des csnd e.V. zu wiederholen, nicht zuletzt, weil durch ihre Ergebnisse Empirie gestützte Entwicklungsziele der Career Services in Deutschland benannt werden können - gegebenenfalls nach Bundesland oder Hochschulform differenziert. Sie bieten zudem eine Hilfestellung zu effizienterer Vernetzung und zur Etablierung von Kontakten zwischen Kolleginnen und Kollegen sowie Stakeholdern, die sich aktuell mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzen.

Daraus ergibt sich ein Bild, das eindeutig zeigt, wie unterschiedlich sich die aktuelle Situation in den Bundesländern darstellt. Die Ergebnisse gestatten es jedem einzelnen zudem, besser Hypothesen darüber anstellen, was Mitarbeitende von Career Services benötigen, um ihre Arbeit motiviert und erfolgversprechend auszuüben. Es können klarer Wünsche gegenüber Hochschulsystem, Arbeitsmarkt und Politik geäußert sowie Trends und Empfehlungen selbstbewusster ausgesprochen werden, wohin sich die Arbeit der Career Services unter welchen Bedingungen richten soll(te).

Die Entwicklung von Career Services braucht seine Zeit, Ruhephasen für qualitative Reflexion sowie eine Kultur, in der auch Experimente durchgeführt werden können und dürfen, ohne dass dabei die Career-Service-Einrichtung als solches in Frage gestellt wird.
Experimente gehen meist mit dem Risiko eines ungewissen Ausgangs einher, gleichzeitig aber auch mit der Chance innovative Ideen zum Lösen komplexer Fragestellungen zu generieren.

Krischan Brandl, Career Servive Netzwerk Deutschland (csnd)/ Career Service der Universität Würburg;
Antje Oppermann, A&O Beratung, Qualitäts- und Befragungsmanagement an Hochschulen und
Nelli Wagner, Career Servive Netzwerk Deutschland (csnd)/ Career Service der Universität Potsdam

Erschienen im nfb-Newsletter 03/2015