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Der Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte

2014 -

Arbeitgeber und Gewerkschaften sind ja selten einer Meinung, aber in diesem Punkt stimmen beide Seiten schon seit längerer Zeit überein, nämlich in der Forderung, die Hochschulen für beruflich Qualifizierte ohne Abitur weiter zu öffnen. So kann nach Meinung der Sozialpartner die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erleichtert und dem zunehmenden Fachkräftemangel begegnet werden.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) fasste im März 2009 einen wegweisenden Beschluss zum Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne eine schulische Hochschulzugangsberechtigung.

Alle Bundesländer haben in der Folgezeit ihre jeweiligen landesgesetzlichen Regelungen zum Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte angepasst und neu formuliert. Damit ergeben sich für viele Berufstätige ohne Abitur neue Möglichkeiten und Chancen, ein Studium aufzunehmen. In den Allgemeinen Studienberatungen der Hochschulen hat die Zahl der Beratungsgespräche mit beruflich Qualifizierten entsprechend zugenommen.

Wer kann sich mit beruflicher Qualifikation bewerben und welche Studienfächer sind möglich?

Nach dem Berliner Hochschulgesetz in der ab Anfang Juni 2011 gültigen Fassung verfügen beruflich Qualifizierte über eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung, wenn sie eine Fachschulausbildung abgeschlossen oder eine Aufstiegsfortbildung (z.B. zum Techniker, Fachwirt oder Meister) bestanden haben. Eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung liegt vor, wenn eine mindestens zweijährige Berufsausbildung abgeschlossen werden konnte, die dem beabsichtigten Studium fachlich ähnlich ist, und wenn anschließend mindestens drei Jahre im erlernten Beruf gearbeitet wurde. Selbst wenn jemand keinen fachlichen Bezug von seiner Berufsausbildung und Berufstätigkeit zum gewählten Studiengang nachweisen kann, ist eine Bewerbung möglich, in diesem Fall wird jedoch zusätzlich die Teilnahme an einer Zugangsprüfung notwendig.

Welche Aufgaben haben die Allgemeinen Studienberatungen der Hochschulen?

Gerade bei der Studienberatung zum Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte zeigt sich, was es heißt, durch entsprechende Beratung die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu unterstützen und sich dabei im Spannungsfeld zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit zu bewegen. Vor diesem Hintergrund gehen die Studienberaterinnen und Studienberater im Gespräch mit beruflich Qualifizierten regelmäßig auf folgende Themen und Stichworte ein:

  • Bisheriger Lebenslauf und Bildungsweg.
  • Begründung für den Studienwunsch.
  • Was bedeutet Studieren: Erwartungen, Wunsch und Wirklichkeit.
  • Studieren vorher ausprobieren.
  • Zusammen mit Jüngeren studieren.
  • Über ein Studium in eine neue Tätigkeit.
  • Finanzielle Situation während des Studiums, evtl. Einschränkung des bisherigen Lebensstandards.
  • BAföG, Stipendien, Bildungskredite; Vorteile des Aufstiegsstipendienprogramms des Bundes.
  • Im Studium alleinverantwortlich oder mit Partner/Partnerin/Kind/Kindern; Vereinbarkeit von Familie, Arbeit und Studium.
  • Umgang mit Unsicherheiten, Umgang mit Entscheidungssituationen.
  • Sorge, nicht zum Studium zugelassen zu werden oder im Studium überfordert zu sein.
  • Hochschulzugangsberechtigung bedeutet noch nicht Hochschulzulassung: Aufklärung über das Bewerbungs- und Zulassungsverfahren einschließlich zusätzlicher Sprachanforderungen.
  • Ermutigung zur Bewerbung, Ermutigung zu Parallelbewerbungen an anderen Hochschulen und in anderen Bundesländern.
  • Alternative: Nachholen des Abiturs auf unterschiedlichen Wegen, Vor- und Nachteile.

Die Allgemeinen Studienberatungen der Hochschulen können ihrem Beratungsauftrag gegenüber den beruflich Qualifizierten nur gerecht werden, wenn sie über genügend Personal verfügen, um die Beratungsgespräche in der beschriebenen Ausführlichkeit auch anbieten zu können.

Über die persönliche Beratungstätigkeit hinaus sorgen die Allgemeinen Studienberatungen in Zusammenarbeit mit den Hochschulverwaltungen für optimal aufbereitete Informationen auf den Webseiten der Hochschulen und für gut geschulte Informationskräfte in den Info-Services der Hochschul-Callcenter. Die Info-Services haben die Aufgabe, erste Informationen und Auskünfte zu geben und dabei auf die Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen in den Allgemeinen Studienberatungen der Hochschulen hinzuweisen. Die Hochschulverwaltungen nehmen die entsprechenden Zulassungsanträge von beruflich Qualifizierten innerhalb bestimmter Fristen entgegen und bearbeiten sie anschließend, im Vorfeld können sie zu administrativen Fragen ebenfalls direkt angesprochen werden.

Wie reagieren die Hochschulen?

Die Hochschulen unterstützen ihre Verwaltungen, Info-Services und Allgemeinen Studienberatungen bei der Information und Beratung beruflich Qualifizierter. Einige Hochschulen bieten spezielle Vorbereitungskurse für die notwendigen Studieneignungsprüfungen an. Darüber hinaus gibt es vereinzelt studienbegleitende Tutorien für Studierende ohne Abitur, in denen vorhandene fachliche Defizite z.B. in Mathematik oder Naturwissenschaften ausgeglichen werden können.

Mehr Interessenten als Studenten

Insgesamt lassen sich sehr viel mehr beruflich Qualifizierte zu ihren Studienmöglichkeiten beraten, als sich dann tatsächlich bewerben. Und nicht alle Bewerbungen führen zu einer Zulassung, nicht alle Zugelassenen nehmen das Studium auf oder beenden es später mit Erfolg. Aufgabe der Bildungs- und Hochschulforschung wird es sein, hierfür die genauen Ursachen und Zusammenhänge jenseits subjektiver Einzeleindrücke zu ermitteln und die notwendigen Schlussfolgerungen zu beschreiben. Die erweiterten Studienmöglichkeiten für beruflich Qualifizierte bestehen in vielen Bundesländern erst seit 2011. Die ersten Studierenden, die seitdem von diesen Neuregelungen profitiert haben, werden frühestens Ende 2014 berichten können, ob und unter welchen Bedingungen und Schwierigkeiten sie ihr Bachelorstudium erfolgreich abgeschlossen haben. Die Zahl der potentiellen Studienberechtigten ohne Abitur ist durch die ausgeweiteten Zugangsmöglichkeiten enorm gestiegen. Dennoch haben sich die Fallzahlen der Studienanfänger mit beruflicher Qualifikation bisher nur wenig erhöht und bewegen sich bei den laufenden Längsschnittuntersuchungen aller Studienberechtigten im Mittel weiterhin nur im unteren einstelligen Prozentbereich, sie variieren von Fach zu Fach und sind an den Universitäten niedriger als an den Hochschulen, den früheren Fachhochschulen.

Es bleibt noch viel zu tun

Erste persönliche Erfahrungsberichte von Studierenden mit beruflicher Qualifikation ergeben folgendes Bild: Bei der Information und Beratung, bei der Bewerbung und Zulassung, also im Vorfeld des Studiums, fühlen sich die meisten Studieninteressenten ohne Abitur an den Hochschulen willkommen. Zusammen mit werbenden und gut gemeinten Zeitungsartikeln können die positiven Eindrücke vor dem eigentlichen Studienbeginn die Illusion nähren, die beruflich Qualifizierten ohne Abitur müssten auch im Studium mit offenen Armen empfangen werden. Doch die Willkommenskultur in den einzelnen Studienfächern ist unterschiedlich und lässt vielfach zu wünschen übrig. An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, dass es an den Hochschulen teilweise immer noch reale Widerstände gegen das Studium von beruflich Qualifizierten gibt. Und es mangelt an konkreten Überlegungen, wie das gesetzlich gewollte Studium beruflich Qualifizierter zu gestalten ist, damit das Fehlen des Abiturs den Studienerfolg nicht gefährdet und die berufliche Qualifikation tatsächlich als gleichwertige und gleichberechtigte Studienvoraussetzung eingebracht werden kann.

Johannes Nyc, Studienberatung und Psychologische Beratung, Freie Universität Berlin

Erschienen im nfb-Newsletter 01/14

Praxisbeispiele

Mit dem Fachschul-abschluss direkt ins Studium

Rebecca Hansen* (38) kann es immer noch nicht fassen, ungläubig schaut sie den Studienberater der Freien Universität Berlin an. Gerade hat sie erfahren, dass sie tatsächlich über eine allgemeine Hochschul-zugangsberechtigung verfügt. 2007 hatte sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin an einer staatlichen Fachschule für Sozial-pädagogik in Berlin mit Erfolg beendet und seitdem mit befristeten Verträgen bei verschiedenen freien Trägern gearbeitet. Jetzt weiß Rebecca Hansen, dass sie auch über ihr Traumfach Psychologie nachdenken darf, vielleicht auch über ein Studium in Richtung Lehrerin. Erst vor zwei Wochen hatte ihr eine frühere Schulfreundin bei einem Klassentreffen von den neuen Studien-möglichkeiten für Leute ohne Abitur erzählt, sogar Veterinärmedizin sei möglich. Rebecca Hansen mag Tiere, sie hat als Erzieherin zwei Jahre in einem Zooprojekt mit behinderten Berliner Kindern im Tierpark Friedrichsfelde gearbeitet, aber Tierärztin will sie nicht werden. Jetzt erscheint ihr vieles möglich, viel mehr, als sie zum Beginn des Gesprächs in der Studienberatung dachte. Nun möchte sie erst einmal in Ruhe neu nachdenken und sich dann noch einmal beraten lassen.

 

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Als Mechatroniker an die Uni

Petros Koulidis* (28) hat sich die Webseiten der Freien Universität Berlin in der letzten Zeit schon öfter durchgelesen. Seine Fa- milie stammt aus dem europäischen Teil der Türkei an der Grenze zu Griechenland, die Eltern sind vor dreißig Jahren nach Deutschland ge- kommen. Er selbst ist hier geboren und aufge- wachsen, ein wasch-echter Berliner mit Migrations- hintergrund. Nach seinem Real- schulabschluss hat Petros Koulidis eine Ausbildung zum Mecha-troniker gemacht und arbeitet seitdem in der Ausbildungswerkstatt eines bekannten Berliner Elek- trounternehmens. Jetzt möchte er sich verändern, in einem Artikel seiner Gewerkschaftszeitung hat er neulich erfahren, dass man auch ohne Abitur studieren kann. Die Kollegen sagen, er solle doch Elektrotechnik stu- dieren oder Informatik, seine Familie ist eher skeptisch. Er selbst will aber weg von der Technik, am liebsten möchte er Politikwissenschaft studieren oder vielleicht auch Jura, Islam-wissenschaft würde ihn auch interessieren. Die meisten Fragen zu einer möglichen Bewerbung ließen sich schon am Telefon mit dem Info-Service der Freien Universität Berlin klären, die Einladung zu einem persönlichen Beratungs-gesprächs hat er gerne angenommen und gleich einen Termin vereinbart. Nun erfährt er von der Studienberaterin der Freien Universität weitere Einzel-heiten zur Bewer-bung, wo er Musteraufgaben für die notwendige Zugangs-prüfung findet und wie er sich entsprechend vor- bereiten kann. Dann dauert das Gespräch viel länger als erwartet, denn die Studienberaterin spricht noch andere Punkte an, die für seine anstehenden Entscheidungen und das weitere Vorgehen wichtig sind.

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* Namen in den Praxisbeispielen von der Redaktion geändert