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Einmischen verboten? Elternratgeber für den Übergang Schule-Beruf

2013 -

Eltern prägen das Lernverhalten ihrer Kinder, unterstützen Neugier und fördern Motivation und brauchen daher Begleitung und Unterstützung bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe, so Regine Schefels in ihrem Beitrag über das Projekt „Elternchance ist Kinderchance“. Aber inwiefern gilt das auch für die Phase, in der Kinder keine Kinder mehr sind, sondern sich in die Welt der Erwachsenen, in die Welt der Arbeit begeben? „Vermurkste Karrieren fangen oft damit an, dass die Eltern viel zu großen Einfluss haben“, findet Uta Glaubitz, Berufsberaterin aus Berlin, so zu lesen im Berliner Tagesspiegel vom 8.12.2013 in einem Artikel von Katharina Ludwig mit der Überschrift „Einmischen verboten“. Wenn Eltern die Berufswahl ihrer Kinder dominieren, nehmen sie ihnen die Chance herauszufinden, was sie wirklich wollen. Und das kann zu Beziehungskonflikten und beruflicher Unzufriedenheit führen.

Dass Eltern aber wichtige Ratgeber/innen für ihre Kinder auch im Prozess der beruflichen Orientierung sind, ist bekannt. Einer Studie von Ilka Benner und Alexandra Galyschew von der Universität Duisburg-Essen von 2012 „Berufsorientierung aus Sicht der Jugendlichen. Hinweise auf Anforderungen an zukünftige schulische Berufsorientierung“ zufolge betrachten 67,7 % der Jugendlichen die Eltern als wichtigste Unterstützer bei der Berufswahl (Lehrkräfte wurden von 12,6% genannt), gefolgt von Berufsberatung  (39,9%) und Betriebspraktikum (34,1%).

Neue Berufsbilder, die Studienreform, das Einbrechen von Branchen und ein insgesamt unüberschaubarer Arbeitsmarkt machen es Eltern nicht gerade leicht, diese verantwortungsvolle Aufgabe erfolgreich zu meistern. Was Eltern tun können, um ihre Kinder nicht zu viel und nicht zu wenig zu beraten und dabei vor allem immer deren Kompetenzen und nicht die eigenen Vorstellungen im Blick zu haben, wird in verschiedenen Ratgebern und Leitfäden zur Elternarbeit vermittelt, die zudem alles Wissenswerte über Arbeitsmarkt und Arbeitswelt, aktuelle Trends und Perspektiven beinhalten. Einige davon wollen wir hier vorstellen.

Recht gut bekannt, weil über die Schulen verteilt, ist das Heft „Berufswahl begleiten“ der Bundesagentur für Arbeit. Enthalten sind Erfahrungsberichte von Eltern und Jugendlichen, Informationen zu den verschiedenen Ausbildungsgängen und Praktika, aber auch Tipps und Hinweise, wie man mit den eigenen Kindern ins Gespräch über Kompetenzen und Interessen kommt. Checklisten können Eltern und Kinder dabei unterstützen, bei der Vorbereitung von Bewerbungen etc. alles Wichtige zu bedenken. Und natürlich wird auch ausführlich das Selbsterkundungssystem von planet-beruf.de vorgestellt, der Berufsorientierungsplattform der Agentur für Arbeit, die zusätzlich noch eine Informationsseite sowie einen Newsletter für Eltern zum Thema Berufswahl bereit stellt.

Der „Elternratgeber – Ausbildung in Deutschland“  von JOBSTARTER/KAUSA (Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration) beim Bundesinstitut für Berufsbildung richtet sich direkt an zugewanderte Eltern, die ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen wollen. Er liegt jeweils zweisprachig auf Deutsch und einer Fremdsprache vor, und zwar in Arabisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Englisch, Griechisch, Italienisch, Polnisch, Russisch, Spanisch und Türkisch. Zu unterschiedlichen Aspekten wie der dualen Ausbildung, dem Nutzen von Praktika, dem „Weg zum Traumjob“ etc. kommen Zuwanderer zu Wort, die von eigenen Berufswahlerfahrungen oder ihren Erfahrungen als Unterstützer/innen berichten. Die Agentur für Arbeit und die Kammern sowie weitere Ansprechpartner werden kurz dargestellt. Auch die Phase während der Ausbildung wird hier nicht ausgeklammert, und Aspekte wie die Vorteile von Zweisprachigkeit, die Möglichkeiten, die sich durch eine eher „untypische“ Berufswahl eröffnen, und die Befriedigung, die in einer kompetenzorientierten Berufsentscheidung liegt, werden emotional ansprechend thematisiert.

Für Eltern, deren Kinder zwischen Berufsausbildung und Studium schwanken, ist die Broschüre „Chancen eröffnen und Neugier wecken! Wie Eltern ihre Kinder bei der Berufs- und Studienorientierung unterstützen können“ des Förderprogramms STUDIENKOMPASS gedacht. Der STUDIENKOMPASS ist ein Förderprogramm für Schüler/innen und Studierende, das im Jahr 2007 auf Initiative der Accenture-Stiftung, der Deutsche Bank Stiftung und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft gegründet wurde. Das Programm bietet jungen Menschen aus Elternhäusern ohne akademischen Hintergrund eine intensive Studien- und Berufsorientierung.  Zusätzlich werden auf der Webseite http://www.studienkompass.de/foerderprogramm/informationen-fuer-eltern auch die wichtigsten Fragen oder FAQs rund um das Programm in englischer und türkischer Sprache beantwortet. In der Broschüre werden umfassende Informationen bereitgestellt, leider aber kaum praktische Hilfen gegeben, wie Eltern mit ihren Kindern gemeinsam z.B. Interessen oder Kompetenzen erkunden können.

Etwas bunter und praxisorientierter stellt sich dagegen die Broschüre „Hilfe! Mein Kind hat Abi!“ der Bundesagentur für Arbeit dar. Neben Themen wie „Studium oder Beruf“ oder „Studienaufbau“ sowie Beschreibungen von Test- und Assessment-Verfahren werden hier auch Punkte wie Auslandsaufenthalte, Überbrückung, Finanzierung, Versicherungen etc. angesprochen, die sicher auch besonders interessant für Eltern sind, die das Studium ihrer Kinder ganz oder teilweise finanzieren. Auch ein Blick in die Zukunft für Akademiker wird gewagt – Arbeitsmarktexperten und Personaler u.a. von Bertelsmann, Audi, Allianz und Adidas kommen zu Wort.

Dass es auch kurz und knapp geht zeigt das Übergangsmanagement Dithmarschen: Im praktischen „Elternfahrplan Schule-Beruf“ finden Eltern genau wie in einem echten Fahrplan die Stationen gekennzeichnet, bei denen ihre Unterstützung beim Übergang Schule-Beruf besonders gefragt ist. Zusätzlich werden Tipps für weiter führende Webseiten, Adressen und Ansprechpartner für die jeweilige Aktion gegeben. Farbige Signale zeigen außerdem, was wann zu tun ist und wann Entscheidungen getroffen werden müssen. Das passt sogar an den Kühlschrank!

Manchmal jedoch brauchen Eltern neben Informationen und Tipps auch einen kleinen Schubs. Viele Lehrkräfte, Berufsberater/innen u.a. in dem Berufsorientierungsprozess Beteiligte vermissen das Engagement der Eltern und fragen sich, wie sie sie stärker motivieren und in den Prozess einbeziehen können, denn: „Das Feld der Berufsorientierung zeigt, dass Zuständigkeitsgrenzen zwischen Familie, Schule, Betrieb, Jugendhilfe, Arbeitsverwaltung nicht deutlich zu ziehen sind. Die Fragen ´Wer ist wofür zuständig? Wer kann was? Wer macht was?` beantworten sich nicht von vorneherein und von selbst. Zur Entwicklung einer rechtzeitigen und abgestimmten Berufsorientierung tragen bei: Jugendliche selbst; Erziehungsberechtigte; Schule; Berufsberatung der Agenturen für Arbeit; Unternehmen und Organisationen der Wirtschaft; Jugendhilfe und kommunale Einrichtungen; Hochschulen.“, so Prof. Dr. Karlheinz Timm  vom Institut für Innovation und Beratung an der Evangelischen Hochschule Berlin e. V..

2013 als gemeinsame Veröffentlichung der Bundesagentur für Arbeit und der Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT erschienen ist der Leitfaden „Eltern erwünscht. Wie Zusammenarbeit in der Berufs- und Studienorientierung gelingen kann“. Dieser Leitfaden für Akteure/innen, Multiplikatoren/innen und Netzwerkpartner in der Berufs- und Studienorientierung wurde von Praktikern/innen entwickelt und vermittelt Ideen für die Arbeit mit Eltern. Herzstück des Leitfadens bilden die Kapitel 2 und 3, die die Zusammenarbeit mit Eltern und praxisorientierte Beispiele vorstellen. Im Zentrum stehen dabei Fragen wie „Was interessiert Eltern bei der Berufs- und Studienwahl ihrer Kinder?“, „Wie können Eltern erreicht und motiviert werden?“ oder „ Wie können Inhalte erfolgreich vermittelt werden?“. Das Basiswissen über Wege nach der Schule kommt ebenfalls nicht zu kurz, und auch wer Eltern unterstützen kann, wenn sie nicht mehr weiter wissen, wird umfassend aufgelistet. Interessant – neben den vielen Praxisbeispielen sind auch die „Zehn Grunds(ch)ätze für die Beteiligung von Eltern“, die als Absichtserklärungen formulierte Qualitätsmerkmale für die Elternarbeit beinhalten (siehe unseren Gastkommentar von Raimund Becker, BA).

Die Arbeitshilfe „Elternarbeit am Übergang Schule-Beruf“ wurde im September 2013 von der Servicestelle Bildungsketten beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) herausgegeben. In der Einführung heißt es, es „wird davon ausgegangen, dass die Motivation der Jugendlichen zur proaktiven Berufsorientierung durch Elternarbeit gesteigert werden kann. … Nur wenn solch eine verlässliche Basis der Kooperation zwischen Schule und Elternhaus bereits besteht, können die Akteure wie zum Beispiel Berufseinstiegsbegleiter/-innen (BerEb) individuell und punktuell den Kontakt mit den Erziehungsberechtigten aufnehmen“. Diese Sammlung praxisorientierter Handlungshilfen soll Berufseinstiegsbegleiter/innen, aber auch Schulen bei der Arbeit mit Eltern unterstützen, und dies besonders auch bei der Aktivierung von Migranteneltern. Im Anhang findet man detaillierte Handlungskonzepte u.a. für den (Erst-) Kontakt mit Eltern, für die bedarfsgerechte Gestaltung der Zusammenarbeit mit Eltern, für die Erstellung von Zielvereinbarungen, für Seminare mit Eltern der 8. und 9. Klasse oder für die attraktive Gestaltung von Infoabenden mit Eltern sowie eine umfangreiche Linksammlung.

Für Interessierte, die gern tiefer in das Thema Eltern und Berufsorientierung einsteigen möchten, hier noch ein Tipp: Begleitend zur Evaluation von Kursen des Programms „FuN – Berufs‐ und Lebensplanung“ von Prof. Dr. Martina Stallmann hat Prof. Dr. Karlheinz Thimm 2013 eine umfassende Literaturarbeit zu „Eltern im Prozess der Berufsorientierung ihrer Kinder“ veröffentlicht. Text und Literaturverzeichnis laden zum intensiveren Studium des Themas ein.

Susanne Schmidtpott, nfb

Erschienen im nfb-Newsletter 03/ Dezember 2013

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