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Holistische Beratungsangebote für die Generation 55+

2015 -

In einer kaum noch überschaubaren Zahl von vornehmlich statistisch ausgerichteten Untersuchungen zur Lage der Älteren auf dem Arbeitsmarkt und Alterung der Gesellschaft werden oftmals Appelle und Empfehlungen für den lebenslangen Kompetenzerwerb abgegeben und begleitende Maßnahmen gefordert, die sich jedoch in keinem in sich schlüssigen wissenschaftlichen Beratungskonzept widerspiegeln.

Bereits vor zehn Jahren machten OECD und Europäische Kommission auf die Notwendigkeit spezialisierter Informations- und Beratungsangebote für ein aktives Älterwerden aufmerksam (vgl. OECD/EU-Kommission, 2004, S. 35 f.). Heute muss eher resignierend festgestellt werden, dass es nur wenige Beispiele erfolgreicher Lösungen für Bildungs- und Berufsberatung für ältere Menschen gibt und offenbar kein Land ein systematisches Konzept hierfür entwickelt hat.

Empirische Untersuchungen der Hochschule der BA (HdBA) in Verbindung mit der Jan Długosz-Universität in Częstochowa und der Jagiellonen-Universität in Krakau haben zum Beispiel gezeigt, dass die Weiterbildung nicht das einzige Instrument für die Teilhabe Älterer am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben darstellt, sondern nur in Verbindung mit den gesamten Lebensvollzügen seine Wirkung entfalten kann. Dies stellt das Hauptargument für einen holistischen Beratungsansatz dar, der sowohl die wissenschaftsgeleitete Kombination von Objekttheorien und operativen Theorien der Beratung, ausgerichtet auf die jeweiligen Bedingungen des Ratsuchenden (insbesondere seine Persönlichkeitsmerkmale, Lebensumstände sowie Rollenanforderungen), als auch die organisatorischen Rahmenbedingungen der Beratung berücksichtigt.

Eine wissenschaftliche Grundlegung erfährt dieser holistische Ansatz ferner durch Studien des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) (z.B. IAB-Forum 01/2014) und die Fachveröffentlichungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) (z.B. Report 1/2014). Die Studien zeigen, dass die Adressaten von ihrem Bedarf her in drei Gruppen eingeteilt werden müssen: (1) Arbeitnehmer/innen über 55 Jahre, (2) Arbeitnehmer/innen im Übergang von der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand und (3) Menschen im Ruhestand (Drittes Alter). Die Ergebnisse legen nahe, dass im objekttheoretischen Bereich vor allem der Ansatz des Life Designing, der die Theorien der Selbstkonstruktion und der Laufbahnkonstruktion verbindet, von Bedeutung ist (vgl. Savickas et al., 2009; Nota/Rossier (eds.) 2015). Ein besonderes Augenmerk muss zudem auf einer adäquaten Berücksichtigung des Berufskonzepts in Anbetracht der aktuellen Betonung der Employability in der Bildungs- und Berufsberatung liegen (vgl. Baron, 2008, S. 211). Die Meinung der befragten Älteren in Deutschland und Polen zeigt eindeutig die Wichtigkeit eines „Berufs“ und nicht nur eines Arbeitsplatzes. In Anbetracht der vielfältig berichteten komplexen Problemlagen Älterer auf dem Arbeitsmarkt müssen auch die neueren Verfahren des Case and Care Management einbezogen werden. Sie fokussieren nämlich auf die regionale Netzwerkarbeit und sind daher auch unabdingbar zur Optimierung der verschiedenen Beratungs- und Unterstützungsangebote (vgl. Göckler u.a., 2014). Eine weitere Herausforderung stellt die Integration der speziellen Beratungsansätze für Ältere in das Human Resource Management von Betrieben dar.

Voraussichtlich im Februar 2016 wird die HdBA mit dem zweijährigen Forschungsprojekt Innovative Beratung zur Verbesserung der Teilhabe Älterer am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben (INBeratung) beginnen. Das Projekt wird durch das Bun-desministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der „Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter“ (SILQUA-FH) Programm „Forschung an Fachhochschulen“ finanziell gefördert. An dem Projekt beteiligen sich verschiedene Organisationen aus der Rhein-Neckar-Region (Arbeitsverwaltung, Universitäten, Bildungseinrichtungen, Kammern, Wohlfahrtsverbände etc.).

Die Innovation von INBeratung besteht in der wissenschaftsbasierten Entwicklung und Erprobung holistischer Konzepte speziell zur Beratung älterer Menschen, in der Entwicklung von Trainingsmodulen für Beratungsfachkräfte und im Aufbau eines funktionsfähigen Beratungsnetzwerkes. Die Konzepte umfassen eine den einzelnen Lebensphasen angemessene Beratung, welche die jeweiligen Lebensumstände, die beruflichen Veränderungen und die damit verbundenen Problematiken bzw. Herausforderungen berücksichtigt. Bezogen auf die drei Zielgruppen sollen Migrations- und Genderaspekte bei der Entwicklung und Umsetzung der Beratungskonzepte und Trainingsmodule besonders berücksichtigt werden. Zur Sicherstellung des Transfers der empirisch abgesicherten Projektergebnisse ist geplant, Multiplikatoren einzusetzen. Dies können qualifizierte Bildung-, Berufs- und Personalberater in Bildungseinrichtungen, Betrieben, Organisationen der Wohlfahrtspflege, aber auch in öffentlichen Arbeitsverwaltungen sein. Insgesamt ist mit folgenden direkten positiven Effekten zu rechnen:

  • Die älteren Arbeitnehmer/innen 55+ stabilisieren ihre berufliche Tätigkeit. Hierfür können sie selbst und mit Hilfe qualifizierter Berater/innen prüfen, welche Kompetenzen sie aktualisieren, ergänzen oder neu erwerben müssen. Gleichzeitig sollen sie durch die Beratung einen Entwicklungsplan für die letzte Phase ihrer Erwerbstätigkeit ausarbeiten, etwa im Sinne des Life Design-Ansatzes. Darüber hinaus erhalten Betriebe durch INBeratung wertvolle Unterstützung bei der Beschäftigung, Umschulung und Arbeitsgestaltung älterer Arbeitnehmer/innen.
  • Die Arbeitnehmer/innen im Übergang von der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand können durch adäquate Beratung einen Ersatz für die wegfallende Berufsrolle finden. Hierzu sind mögliche Bildungsangebote und alternative Beschäftigungsweisen aufzuzeigen sowie flexible Wege des Übergangs zu erarbeiten.
  • Die Ergebnisse von INBeratung dienen zudem der Beratung von Menschen im Ruhestand im Sinne des „Aktiven Alterns“. Dabei geht es nicht um die volle Erwerbstätigkeit, sondern um die breite Palette möglicher Tätigkeiten, wie Teilzeitarbeit, Minijob, ehrenamtliche Tätigkeit oder Tätigkeit als Senior Expert im In- und Ausland. Begleitend dazu treten auch Fragen der Gesundheitsvorsorge, der Pflege, der Wohnsituation und der Finanzierung stärker als bei anderen Settings der Beratung in den Vordergrund.


Angesichts der gesellschaftlichen, volkswirtschaftlichen und demografischen Relevanz der Zielgruppe 55+ ist es von zentraler Bedeutung, die Beratungsangebote künftig so zu gestalten, dass die „Ziele des aktiven Alterns“ und die „Vermeidung von Exklusion“ beachtet werden. Eine qualifizierte Beratung muss hierbei die Teilhabe älterer Menschen sinnvoll unterstützen. Durch das Aufzeigen von Perspektiven, unter Berücksichtigung der individuellen Interessen und Kompetenzen, kann die aktive Einbringung in die Arbeitswelt und Gesellschaft selbst im fortgeschrittenen Alter erfolgen.

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt und Prof. Dr. Michael Scharpf, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Literatur
Baron, S. C. (2008): Das Duale Ausbildungssystem unter dem Einfluss der EU-Berufsbildungspolitik. Entwicklungsprozesse und Herausforderungen. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller.
Göckler, R., Rübner. M., Kohn, K.-H., Jäger, U. & Frank, M. (Hrsg.) (2014): Beschäftigungsorientiert beraten und vermitteln. Standards für die Arbeitsförderung (SGB III) und Grundsicherung (SGB II). Regensburg: Walhalla.
Seyfried, B. & Weller, S. (2014): Arbeiten bis zum Schluss oder gehen vor der Zeit. In Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) (Hrsg). Report 1/2014. Bonn: Bundesinsitut für Berufsbildung.
IAB-Forum 1/2014 - Fortschritt: Ältere am Arbeitsmarkt - Auf gutem Weg durch an-spruchsvolles Gelände. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) (Hrsg.). Nürnberg.
Nota, L. & Rossier, J. (eds.) (2015): Handbook of Life Design. From Practice to Theory and From Theory to Practice. Göttingen: Hogrefe.
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) & Europäische Kommission (2004): Berufsberatung – Ein Handbuch für politisch Verantwortliche. Luxemburg: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften.
Savickas, M. L., et al. (2009): Life designing: A paradigm for career construction in the 21st century. Journal of Vocational Behavior 75/2009, doi: 10.1016/j.jvb.2009.04.004
Savickas, M.L. et al. (2011). Life-designing : Ein Paradigma für die berufliche Lauf-bahngestaltung im 21. Jahrhundert. Zeitschrift dvb-forum 1/2011 (Ertelt, B.-J. &  Ruppert, J.-J.: Deutsche Übersetzung und Anpassung des englischen Originalartikels 33 - 47).

 

erschienen im nfb-Newsletter 02/2015