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Alltagsbildung fördern: Familien in der Bildungsbegleitung unterstützen

2013 -

Die Diskussionen um Bildungsvergleiche und zielgenaue Ansätze von Bildungsförderung belegen den hohen Stellenwert von Bildung in unserer Gesellschaft. Konsens ist heute, dass Bildung für die individuelle Entwicklung, für gesellschaftliche Teilhabe wie auch für die Perspektiven Deutschlands als Wissensgesellschaft von zentraler Bedeutung ist.

Vor diesem Hintergrund ist insbesondere die Förderung von Kindern stark in den Blick gerückt. Ziel ist, allen Kindern eine gute Bildung und individuelle Förderung zukommen zu lassen, damit Bildungsbiografien auf einer stabilen Grundlage aufgebaut werden können. Wann Bildungsförderung bei Kindern idea-lerweise ansetzen sollte, wird intensiv diskutiert: Während zunächst die Schule als erster Bildungsort galt, hat sich in den vergangenen Jahren mit der Förderung in Krippe, Kita und Tagespflege das Bildungsgeschehen deutlich nach vorne verlagert. Die Erkenntnis, dass Kinder bereits bei Schuleintritt über zahlreiche Kompetenzen verfügen müssen, damit sie in der Schule einen guten Start und gleichberechtigte Teilhabe erleben können, war dafür wesentlich. In Zusammenhang mit der Erhebung von Sprachfertigkeiten und -defiziten wurde deutlich, dass die Förderung von Kindern nur dann wesentliche Effekte erzielt, wenn sie frühzeitig ansetzt und von Beginn an in den kindlichen Alltag integriert werden kann. Erhebliche Ressourcen werden daher mittlerweile investiert, um Kindern frühe Förderung möglichst passgenau und modernen Standards entsprechend zugute kommen zu lassen.

In der Praxis zeigt sich allerdings, dass auch ein früher Ansatz von individueller Förderung im Kita-Alter nicht immer zu den erhofften Ergebnissen für einzelne Bildungsbiografien führt. Einerseits scheinen viele Lernerfahrungen noch deutlich früher geprägt zu werden, andererseits wirkt sich der Einfluss der sozialen Umgebung offenbar stark auf das Lernverhalten von Kindern aus. Erst in jüngerer Zeit werden dementsprechend auch die frühen Bildungsprozesse im Elternhaus, die jedes Kind erfährt, fokussiert.

 

Erste Bildungsschritte werden im Elternhaus gemacht

Eltern prägen das Lernverhalten ihrer Kinder, unterstützen Neugier und fördern Motivation. Die Familie ist daher der erste Bildungsort, den Kinder erleben. Zugleich beeinflussen die Erfahrungen, die Unterstützung oder die Grenzen, die Kinder bei ihren ersten Schritten erfahren, ihren individuellen Zugang zu neuem Wissen und ihr Selbstvertrauen in ihre Leistungen.

Dass von Geburt an wichtige Bildungsprozesse erfolgen, die von entscheidender Bedeutung für die gesamte Bildungsbiografie sind, ist kein neuer Gedanke. Seit 2012 werden die Bildungsaktivitäten in der Familie auch in den nationalen Bildungsbericht („Bildung in Deutschland“) aufgenommen. Wissenschaft und Politik beschäftigen sich nun vermehrt mit dem Bildungsgeschehen in Familien und suchen nach Wegen, um den Wert von Alltagsbildung deutlicher herausstellen sowie die Praxis zielgenau fördern zu können.

Mit dem Bundesprogramm „Elternchance ist Kinderchance“ hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend diese Prozesse gestärkt. Im Rahmen der Familienbildung, die bereits entsprechende Expertise in der Förderung von Erziehungs- und Bildungskompetenzen hat, wurde ein Programm etabliert, das die Unterstützung von Familien bei der Bildungsbegleitung zum Ziel hat.

Elternbegleitung bietet Anregung für die Alltagsbildung

„Elternchance ist Kinderchance“ will Eltern gezielt ansprechen und für kindliche Entwicklungsschritte, passende Bildungswege und eine gute häusliche Lernumgebung gewinnen. Fachkräfte, die bereits in der Familienbildung aktiv sind, erhalten mit einer Weiterqualifizierung zur Elternbegleiterin bzw. zum Elternbegleiter Beratungskompetenzen und mehr Know-how zu Bildung im Familienalltag sowie zur aktivierenden Elternarbeit. Für diese modular aufgebaute Weiterqualifizierung haben die Träger der Familienbildung gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium Curricula und Fortbildungsmodule entwickelt. Ziel ist, bis Ende nächsten Jahres 4.000 Fachkräfte weiterzuqualifizieren und dieses Wissen in die Arbeit mit Eltern in der Familienbildung, in Kitas, Schulen oder Familienzentren einfließen zu lassen.

Erste Ergebnisse der Begleitforschung zeigen, dass im Rahmen der Elternbegleitung vor allem vermehrt Angebote und Aktivitäten eingerichtet werden, die sich explizit auf Kinder und die Eltern-Kind-Beziehung konzentrieren. Auf der Basis eines gewachsenen Vertrauensverhältnisses suchen Eltern deutlich öfter Rat und Information bei Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern. Neben den Fragen zu Erziehung und Förderung sind auch Informationen zum deutschen Schulsystem und zu Bildungsübergängen erwünscht. Vor allem in Familien mit Migrationshintergrund, in denen Deutsch nicht die Muttersprache ist, lassen sich, so die Erfahrungen der Fachkräfte, bestehende Hemmschwellen gegenüber dem deutschen Bildungssystem senken sowie mehr Elternbeteiligung aufbauen.

Seit dem Start im Mai 2011 haben sich bundesweit bereits mehr als 2.500 Fachkräfte der Familienbildung und der Frühpädagogik zu Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern weiterqualifizieren lassen. Sie wirken schon heute an zahlreichen Orten in Deutschland darauf hin, bildungsbezogene Kooperationen im Sozialraum auszubauen. So belegt das begleitende Monitoring, dass dort, wo es Elternbegleitung gibt, Netzwerke rund um das Bildungsgeschehen im Kindesalter stark ausgebaut werden. Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sehen die Vermittlung an weiterführende Beratungsangebote als wichtigen Teil ihres neuen Wirkungsfeldes an und erweitern entsprechende Kooperationen wie Beratungskompetenzen.

Bildungsübergänge begleiten und Familien stärken

Neben der frühen Förderung ist vor allem die Gestaltung von Bildungsübergängen ein entscheidender Faktor, damit Bildungsprozesse gelingen können. Um hier innovative Ansätze etablieren zu können und zugleich neue Wege der aktivierenden Elternansprache zu praktizieren, fördert das Bundesfamilienministerium neben der Qualifizierung in der Elternbegleitung auch die Einrichtung von "Elternbegleitung Plus"-Standorten. An 100 Orten der Familienbildung haben Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter so Angebote zur Bildungsbegleitung etablieren können, die sich vornehmlich an Familien richten, deren Bildungsaktivitäten Barrieren erfahren. Ob mangelnde Deutschkenntnisse, wenig Bildungserfahrung oder fehlendes Wissen der Grund sind – Familien, die Schwierigkeiten haben, ihr Kind in der Entwicklung zu unterstützen, bekommen an diesen Orten gezielt Rat. Oftmals geht es dabei um eine stärkere Einbeziehung der Eltern in die Kita oder um einen begleiteten Übergang von der Kita in die Schule. Mit vielfältigen Ansätzen praktizieren die "Elternbegleitung Plus"-Standorte gezielte Elternansprache und niedrigschwellige Beratungsangebote. Die Rückmeldungen aus den Standorten sind überaus positiv, was die Erreichung neuer Zielgruppen angeht. Ob in der Stadt oder auf dem Land: Mit den Ansätzen aus der Weiterqualifizierung zur Elternbegleitung gelingt es deutlich besser, auch solche Familien zu erreichen, die bislang kaum bestehende Familienbildungsangebote wahrgenommen haben.

Perspektiven für die Familienbildung

Umfassend evaluiert wird "Elternchance ist Kinderchance" durch das Deutsche Jugendinstitut e.V. gemeinsam mit der Universität Erlangen-Nürnberg unter der Leitung von Prof. Dr. Sabine Walper und Prof. Dr. Mark Stemmler. Ende 2014 werden umfassende Befunde dazu vorliegen, wie sich die Elternbegleitung in der Familienbildung etablieren konnte. Für die wissenschaftliche Begleitung und die Beratung des Bundesfamilienministeriums ist das Kompetenzteam Wissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Julia Lepperhoff und Dr. Lena Correll an der Evangelischen Hochschule Berlin verantwortlich.

Mehr über den internationalen Stand zur zielgenauen Unterstützung von Familien in Forschung und Praxis lässt sich der aktuell erschienenen Publikation "Frühe Bildung in der Familie" entnehmen, die vom Kompetenzteam Wissenschaft herausgegeben wurde. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachdisziplinen beleuchten und diskutieren Konzepte, Methoden und Angebote der Familienbildung und zeigen Wege auf, Familie als Bildungsort zu stärken.

Regine Schefels, Kompetenzteam Wissenschaft Bundesprogramm „Elternchance ist Kinderchance“,
Evangelische Hochschule Berlin (EHB)

Link: www.elternchance.de


Erschienen im nfb-Newsletter 03/ Dezember 2013