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Frag mal die - Beratungslehrer!

2011 -

„Das weiß sicher der/die  Beratungslehrer/in“ ist oft die Antwort, wenn Schüler, Lehrer, Eltern, Schulleitungen oder schulische Kooperationspartner nicht weiter wissen. Die Erwartungen an die Beratenden in der Schule und besonders an die explizit als solche ausgewiesenen Beratungslehrer sind hoch. SchülerInnen wollen individuell gesehen und gemäß ihrer Kompetenzen in die richtigen Richtungen begleitet werden, Eltern wollen Tipps, wie sie ihre pubertierenden Kinder dazu bringen, zuzuhören, KollegenInnen brauchen Kontaktadressen für die nächste Berufsinformationsveranstaltung, und die Schulleitungen wollen wissen, was sie wann, wie und wo verändern könnten.

Schullaufbahnberatung, Einzelfallhilfe und Beratung von Schule und Eltern in weitreichenden Fragen von Bildung und Berufsorientierung sind in den meisten Bundesländern als Kernaufgaben der Beratungslehrkräfte genannt;  allein zum Thema Schullaufbahnberatung sowie Berufs- und Studienorientierung werden z.B. in der Broschüre „Beratungslehrkräfte in Bayern“1 15 verschiedene Aufgaben aufgelistet, die zum großen Teil erheblichen Arbeits- und Zeitaufwand beinhalten, z.B. „Hilfestellung bei der Interessenfindung im Sinne eines Coachings“ oder „Organisation und Durchführung von Veranstaltungen mit externen Partnern“ oder „direkte Vermittlung von Schülerinnen und Schülern in Ausbildung“. Damit aber nicht genug: Auch Systemberatung als Beratung von Schulbehörden, Schulaufsicht, Schulleitung, KollegenInnen,  kurz: als „Innovations- und Reformberatung der Schule als Gesamtsystem und/oder ihrer Subsysteme“ gehört in Bayern zum ausgewiesenen Auftrag der BeratungslehrerInnen.

Wie ist das zu schaffen? Und wie muss der/die BeratungslehrerIn beschaffen sein, der/die all dies in einem Minimum an Entlastungsstunden stemmen kann und obendrein guten Unterricht macht? Denn Beratung nimmt auch außerhalb der Aufgaben der Beratungslehrkräfte einen wachsenden Stellenwert in der Schule ein. Schulreformen, z.B. die Einrichtung von Stadtteilschulen in Hamburg und von integrierten Sekundarschulen in Berlin, sehen Lehrerinnen und Lehrer immer stärker in der Funktion des Bildungsberaters oder Bildungsbegleiters, der  SchülerInnen beim individuellen, eigenverantwortlichen schulischen Lernen in allen Fachbereichen anleitet, berät und unterstützt: "In den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen kommt es vor allem darauf an, den SchülerInnen ihren individuellen Voraussetzungen entsprechendes Lernen zu ermöglichen.  Für die Lehrkräfte steht dabei die individuelle Beratung der SchülerInnen (und auch ihrer Eltern) viel mehr im Vordergrund als bisher: auf welchem Anforderungsniveau werden Aufgaben erledigt, wie gelingt Motivation für anspruchsvolle Spitzenleistung, wie können Defizite und Lernrückstände ausgeglichen werden, welcher Praxisplatz ist der richtige, welche Unterstützung (z.B. durch die Jugendhilfe) ist möglich etc.", so Siegfried Arnz, Projektgruppe Gemeinschaftsschule der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin.

Beratung ist fester Bestandteil des gesetzlichen Unterrichts- und Erziehungsauftrags in allen Bundesländern, und BeratungslehrerInnen sind seit einem KMK-Beschluss von 1973 neben schulpsychologischen Diensten fest als interne Beratungsinstitution installiert. Neben den genannten drei Kernaufgabenfeldern der Beratungslehrkräfte ist das aber schon das einzig Gemeinsame in allen Bundesländern. Die schulische Beratungslandschaft ist so wenig transparent wie die länderspezifischen Schulsysteme, Aus- und Weiterbildungswege für Beratungslehrer oder die Anzahl der Entlastungsstunden, die Lehrkräften für ihre Beratungstätigkeit gewährt werden.

LehrerInnen fühlen sich kaum oder nur schlecht vorbereitet auf die hohen Anforderungen ihrer Rolle als BeraterIn der SchülerInnen. Entsprechende Kompetenzen werden nach Angaben von Lehramtsanwärtern zu wenig oder gar nicht vermittelt; der Grundkonflikt zwischen der Beratungsaufgabe und der Beurteilungsaufgabe wird weder in der ersten noch in der zweiten Phase der Lehrerausbildung thematisiert. Bei erhöhtem Beratungsbedarf der SchülerInnen oder der Eltern wegen schlechter schulischer Leistungen, Schulverweigerung, psychischer Probleme oder schwieriger familiärer Konstellationen erwarten sie Hilfe und Unterstützung von Schulpsychologen, außerschulischen Erziehungsberatungsstellen oder eben vom/von der  BeratungslehrerIin der Schule.

38 verschiedene Tätigkeitsbereiche für BeratungslehrerInnen stellte die GEW Niedersachsen bei einem Workshop im Jahre 1996 zusammen: Komplexe Bereiche, vom Angstbewältigungs-Training über Systemberatung, Supervision oder die Funktion als Kontaktstelle zu weiteren Beratungsinstitutionen umfasst das Aufgabenfeld der Beratungslehrer.  Für dieses große Spektrum werden sie in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gut und lange ausgebildet. In Bayern umfasst die zweijährige Ausbildung z.B. Persönlichkeitspsychologie, Pädagogisch-psychologische Diagnostik, Beratungspsychologie, Pädagogische Grundlagen der Beratung, Schulische Lern- und Leistungsschwierigkeiten, Schulsysteme, Ausbildungs- und Beschäftigungssysteme, Beratungseinrichtungen, Beratungsverfahren, Organisation der Beratungsarbeit etc.  Die Fülle der Themen, Mangel an Praxisübungen und Kürzungen der Ausbildungsdauer wie z.B. in Hamburg seit 2002 bewirken, dass mehr und mehr nur Grundkompetenzen vermittelt werden können.

In den meisten Bundesländern sind Beratungslehrer an der Schule beratend tätig,  an der sie auch arbeiten. Eine Ausnahme bildet Sachsen-Anhalt, wo 25 Beratungslehrer befristet  bis zum 31.7.2013 als Verstärkung im Rahmen des  ESF-Programms „Projekte zur Vermeidung von Schulversagen und zur Senkung des vorzeitigen Schulabbruchs“ beschäftigt sind.  Sie sind vollständig abgeordnet und betreuen jeweils mehrere Schulen in vier Regionen.

Die Richtwerte des KMK-Beschlusses von 1973 von 500 Schülern pro Beratungslehrer und 5000 Schülern pro Schulpsychologen waren 2008 noch nicht erreicht; im Gegenteil werden seither Jahr für Jahr weniger Beratungslehrer neu zugelassen. Gleichzeitig benötigen ratsuchende SchülerInnen und Eltern durch die raschen Veränderungen in Schule und Ausbildung, durch die Einführung von Vergleichstests und Prüfungen, durch wachsende  gesellschaftliche Probleme wie Cyber-Mobbing, Gewalt und Drogenmissbrauch gerade vor Ort Ansprechpartner. Die Beratung hat sich stark von der Schullaufbahnberatung hin zur Einzelfallhilfe verschoben; trotzdem werden je nach Bundesland aber nur 1 bis 6 Entlastungsstunden gewährt.

Trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen ist die Qualität der Beratung durch BeratungslehrerInnen jedoch gut, wie Studien und Forschungsberichte belegen.  BeratungslehrerInnen  stehen oft unter Handlungsdruck und  müssen sich schnell ein adäquates Bild von oft komplexen Problemfällen machen. Dies gelingt ihnen nach einem Forschungsbericht von Josef Strasser und Hans Gruber zu  „Kompetenz von Beratungslehrern im Vergleich“  (Universität Regensburg, 2008)2  ähnlich gut wie professionellen Erziehungsberatern, wobei sie relativ schnell Vermutungen über dem Fall zugrunde liegende Problematiken anstellen. Ihre Stärke liegt vor allem in der schulbezogenen Information, die bei ErziehungsberaternInnen z.T. einen „blinden Fleck“  darstellt. Eine aufwändige Vorher-Nachher-Untersuchung von  Hajo Sassenscheidt (1993)3 in Hamburg zeigte, dass die KlassenlehrerInnen bei insgesamt 66% der BeratungsschülerInnen deutliche Effekte der Beratung (Aggressivitätsminderung, Klärungen/ neue Sichtweisen, Unterstützung/Entlastung) sahen.

Die eigene Arbeitszufriedenheit der Beratungslehrer ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. In ihrer „Empfehlung 23“ hat die Kommission „Anwalt des Kindes“ des Ministeriums für Bildung, Frauen und Jugend des Landes Rheinland-Pfalz zum Thema „Beratung in der Schule – Last oder Entlastung“ folgende Empfehlungen zur Unterstützung der Beratungslehrkräfte ausgesprochen:

  • Effektive, qualitativ anspruchsvolle Beratung bedarf einer Verankerung in der gesamten Schule,  einer Beratungskultur und eines positiven Klimas, in dem Beratungskompetenz und –tätigkeit auch dienstlich-formal wie auch sozial-formal honoriert werden.
  • Besondere  Verantwortung kommt hier den Schulleitungen zu; Zuständigkeiten, Kompetenzen, organisatorische Rahmenbedingungen müssen gesichert sein, für die Einhaltung der Qualitätsstandards muss Sorge getragen werden.
  • Organisationsstrukturen müssen erreichen, dass die innerschulischen BeraterInnen die erforderliche Distanz halten können.
  • Ausreichend Zeit,  Raum sowie Finanzierungssicherheit müssen gegeben sein.
  • Beratungskompetenzen müssen stärker als bislang üblich in Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung integriert werden.4


Zur Förderung der Qualität und Professionalität der Beratung publizieren auch Kultusministerien, Schulen und Hochschulen ihre Leitbilder und Standards, an denen sie ihre Dienstleistungen ausrichten. Allerdings sind diese in der Regel sehr allgemein gehalten und selten auf Beratungsaufgaben hin spezifiziert, da Beratung nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leistungsspektrum darstellt. Das Bayerische Kultusministerium hat in einer Broschüre die Aufgaben und Grundsätze der Schulberatung publiziert.5 Nordrhein-Westfalen hat im Internet ein Qualitätskonzept für Schulen veröffentlicht, das auch Beratungsaktivitäten der Schulen einbezieht.6  Einige Schulen sind mit dem Qualitätssiegel „Berufswahlfreundliche Schule“ ausgezeichnet worden, andere haben sich nach den gängigen QM-Systemen zertifizieren lassen. 

Dies kann Beratungslehrkräfte in ihrem Handeln unterstützen und für die geforderte Anerkennung ihrer Beratungsleistung sorgen. Dennoch gibt es Entwicklungsbedarf, vor allem hinsichtlich der Bereitstellung von angemessenen Ressourcen für den steigenden Beratungsbedarf von SchülernInnen und Eltern.

Dr. Jörg Lagemann, Vorsitzender des Verbandes der Beratungslehrer in Niedersachsen, meint dazu: „Am zufriedensten macht die Beratungslehrkräfte die Sinnhaftigkeit ihres Tuns, denn sie können in der Beratungssituation wirklich intensiv auf die SchülerInnen eingehen, was im normalen Schulalltag meist gar nicht mehr möglich ist. Aber wenn die Landesregierung nur sehr geringe Ausbildungskapazitäten für Beratungslehrkräfte zur Verfügung stellt und die Stundenausstattung bei weitem nicht den Bedarf deckt, ist es auf die Dauer manchmal schwer auszuhalten, dass man immer nur so wenigen von denen, die ganz dringend Unterstützung brauchen, helfen kann.“

Und  dann fragt man die Beratungslehrer bald vergeblich.

Susanne Schmidtpott, nfb (erschienen im Newsletter 03/ November 2011, Herausgeber: nfb)

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1 Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.) (2010), Beratungslehrkräfte in Bayern. Wege aufzeigen. Brücken bauen. Kompetenzen stärken, München
2 Strasser, Josef und Hans Gruber (2008). Kompetenz von Beratungslehrern im Vergleich (Forschungsbericht 32). Regensburg: Universität Regensburg, Lehrstuhl für Lehr-Lernforschung
3 Sassenscheidt, Hajo (1993). Welche Wirkung hat Einzelfallberatung? Eine Programmevaluation der Einzelfallhilfe von Beratungslehrerinnen und Beratungslehrern. Verlag Dr. Kovac
4 Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend des Landes Rheinland-Pfalz, Kommission „Anwalt des Kindes“ (2002),  Empfehlung 23: Beratung in der Schule-Last oder Entlastung?
5 siehe Fußnote 1
6 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW (Hrsg.) (2006), Qualitätstableau für die Qualitätsanalyse an Schulen in NRW, Düsseldorf. www.schulministerium.nrw.de/QA/E_Tableau/index.html