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Migrationsspezifische beschäftigungsorientierte Beratung: Wege aus der sozialen Selektivität

2010 -

Personen mit eigener Migrationserfahrung und Nachkommen aus Zuwandererfamilien in Deutschland stehen vor besonderen Herausforderungen, wenn sie ihren Weg durch das Bildungssystem beschreiten, ihr Berufsleben gestalten und sich im  Erwerbsarbeitsmarkt bewegen. Ein Bündel sich gegenseitig verstärkender Faktoren bewirkt, dass diese Herausforderungen nur schwer gemeistert werden können und in der Folge die Erwerbsposition von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland seit langem weit unterhalb des Möglichen verharrt.
Beschäftigungsorientierte Beratung muss sich deshalb der Frage stellen: Gibt es spezifische Bedarfe und Themen, die in den Gesprächen mit Ratsuchenden dieser Zielgruppe aufzunehmen und zu bearbeiten sind? Und kann die professionelle Bearbeitung solch spezifischer Beratungsaufgaben dazu beitragen, die beschriebene Situation zu verändern - eine Situation, die sowohl ethisch und sozial wie auch ökonomisch intolerabel ist? Im Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ wurde diesen Fragen im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales nachgegangen. (Die Ergebnisse wurden mittels einer Delphi-Breitband-Erhebung gewonnen und werden demnächst veröffentlicht.) Dabei ergaben sich eine Reihe wesentlicher Spezifika, aber auch – und das ist etwas Typisches in der Migrations- und Integrationsforschung – Ergebnisse, die für die Überwindung der auch allgemein hohen sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems und Erwerbsarbeitsmarktes von Interesse sein können.
Ein erstes allgemein bedeutsames „Nebenprodukt“ der Untersuchung dürfte das Erhebungsraster sein. Es versucht, möglichst alle Phasen und Übergänge im Laufe einer Bildungs- und Erwerbsbiographie abzubilden, in denen sich Bedarfe an einer professionellen Bildungs- und Berufsberatung ergeben können.

Grafik migrationsspez. beschaeftigungsorientierte Beratung

Grafik © Kohn 2010

Spezifisch ist hier eigentlich nur das Zuzugskonto. Mindestens elf unterschiedliche typische Beratungsanlässe lassen sich innerhalb dieser komplexen Landkarte aus Übergängen und Verlaufsphasen in Bildung, Beruf und Erwerbsarbeit unterscheiden. Für Ratsuchende mit Migrationshintergrund und ihre Beraterinnen und Berater ergeben sich zu all diesen Beratungsanlässen jeweils spezifische Herausforderungen:

1. Herausforderungen, die sich aus einem spezifischen Wissensnachteil über das deutsche Bildungs- und Beschäftigungssystem ergeben,
2. Herausforderungen, die sich aus dem Erwerb des Deutschen als Zweitsprache ergeben, in der das eigene Agieren in Bildung, Beruf und in der Beratung formuliert werden muss,
3. Herausforderungen, die sich aus dem Aufenthaltsstatus in Deutschland ergeben,
4. Herausforderungen, die sich aus der formalen Anerkennung im Ausland erworbener Zertifikate ergeben,
5. Herausforderungen, die sich aus diskriminierendem Verhalten oder diskriminierenden Strukturen ergeben,
6. Herausforderungen, die sich – besonders unter Berücksichtigung der unter 1 bis 4 genannten Punkte – für die Potenzialanalyse und für die Aufgabe des Empowerment ergeben,
7. Herausforderungen an den Zugang zur und an die Praxis der ausbildungs- und arbeitsmarktpolitischen Förderung und Unterstützung sowie
8. Ansprüche an die Kompetenz der Beraterinnen und Berater, die sich aus den unter 1 bis 7 genannten Herausforderungen ergeben.

Wer alle Ausprägungen, die sich für die Beratung in der sich ergebenden Matrix aus acht Herausforderungen zu elf typischen Beratungsanlässen ergeben, wahr- und ernstnimmt, der kann ermessen, wie komplex die Aufgabe der beschäftigungsorientierten Beratung insgesamt ist. Der wird bei dem Blick auf die zahlreichen und entscheidungsbedeutsamen Spezifika bei Ratsuchenden mit Migrationshintergrund aber auch erkennen, dass die sowohl ethisch und sozial wie auch ökonomisch bedeutsame spezifische Beratung nichts ist, was im allgemeinen  Beratungsangebot quasi ganz nebenbei durch eine ohnehin zu leistende Individualisierung der Kommunikation oder durch die individuelle Auswahl allgemeingültig konfektionierter Handlungsoptionen zu leisten wäre. Dafür sind die erforderlichen spezifischen Wissensbestände und unverzichtbaren Kompetenzanforderungen zu groß. Und dafür ist die längst überfällige professionelle Wahrnehmung dieser Aufgabe zu bedeutsam. Was aus der Praxis entsprechend spezifisch gestalteter Beratungsangebote aber gelernt werden kann, das könnte uns den Weg aus der in Deutschland insgesamt viel zu hohen sozialen Selektivität im Bildungs– und Beschäftigungsbereich weisen.

Karl-Heinz P. Kohn,
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und

Fatoş Topaç,
Leiterin des Facharbeitskreises "Beratung" im Netzwerk "Integration durch Qualifizierung".

Praxishandreichung Migrationsspezifische beschäftigungsorientierte Beratung

Bild Praxishandreichung migrationsspezifische beschaeft. Beratung

Facharbeitskreis „Beratung“ vom Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ (Hg.) (2010). Migrationsspezifische beschäftigungsorientierte Beratung. Praxishandreichung. KUMULUS_PLUS, Berlin. http://www.kumulus-plus.de/fileadmin/pdf/doku/aub_broschure-fak_web.pdf